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Stargeiger und Rebell der Klassik: Nigel Kennedy wird 65

Musik

Dienstag, 28. Dezember 2021 - 00:14 Uhr

von Von Philip Dethlefs, dpa

dpa London. Seine Aufnahme von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ veränderte die klassische Musik. Doch Nigel Kennedy will sich nicht auf ein Genre festlegen lassen. Er spielt genauso gern Jazz und Rock.

Der britische Violinist Nigel Kennedy wird 65. Foto: picture alliance / Daniel Reinhardt/dpa

Vor kurzem wurde Nigel Kennedy seinem Image als Bad Boy wieder gerecht, zumindest aus Sicht des britischen Radiosenders Classic FM.

Der Stargeiger sagte nämlich kurzfristig seine Teilnahme an einem Konzert des Senders in der Royal Albert Hall ab. Allerdings tat er das nicht ohne Grund. Die Organisatoren wollten nicht, dass Kennedy „Little Wing“ spielt, seinen Tribut an Jimi Hendrix. So viel Rockmusik könne man dem Publikum nicht zumuten, er möge doch bitte lieber Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ spielen. Derlei Einmischungen verbittet sich Nigel Kennedy. Er wird jetzt 65 Jahre alt.

Dass er nicht immer dem entspricht, was andere von ihm erwarten, zieht sich durch Kennedys gesamte Karriere. Allein sein Auftreten galt im Klassik-Establishment zumindest anfangs als Provokation. Statt im Anzug oder Frack steht Kennedy mit dem schelmischen Grinsen und der Punk-Attitüde gern in bequemeren Outfits auf der Bühne - zum Beispiel im Fußballtrikot seines Lieblingsvereins Aston Villa, mit Baggy Pants und Schnürstiefeln oder bunten Turnschuhen. Die wilde Irokesenfrisur, die er selbst schneidet, ist längst Markenzeichen des extrovertierten Musikers, der gern und oft flucht und zeitweise auch noch einen zotteligen Bart trug.

Dass er heute auf ausgefallene Outfits setzt, liegt an einem Missgeschick in den 70er Jahren, wie er der „Daily Mail“ erzählte. Als er für ein Konzert in London aus New York einflog, hatte er seinen Frack vergessen. Nur der Markt in Camden war an dem Sonntag geöffnet. „Und die einzigen Klamotten, die ich dort kriegen konnte, waren Punksachen mit Ketten und Gothic-Look“, erinnerte sich Kennedy. „Für weniger als 50 Pfund hab ich mir was zusammengekauft.“

Aber gelegentlich trägt auch Kennedy schicken Zwirn, zum Beispiel auf dem Albumcover seiner Aufnahme der „Vier Jahreszeiten“. Die machte Nigel Kennedy 1989 im Alter von 32 Jahren schlagartig zum Star - und zum Geiger, der bis heute die meisten Albenverkäufe vorzuweisen hat. Das Klassikwerk wurde zwar - für damalige Verhältnisse unüblich - wie ein Popalbum vermarktet, samt Singleveröffentlichung, Fernseh- und Radiospots. Aber es war Kennedys virtuoses Spiel und sein mitreißendes Auftreten, das ein breites Publikum begeistert. Und plötzlich war Klassik nicht mehr nur etwas für die Elite.

Dass Kennedy ein herausragendes musikalisches Talent besaß, wurde früh deutlich. Mit sieben wurde er an der renommierten Londoner Yehudi-Menuhin-Musikschule aufgenommen. Als Teenager studierte er an der Juilliard School in New York. Er war 16, als ihn der Jazzgeiger Stéphane Grappelli einlud, mit ihm in der Carnegie Hall aufzutreten. Gegen den Willen seiner Lehrer am Konservatorium sagte Kennedy zu. „Von ihm lernte ich, entspannt zu bleiben und mich nicht einschnüren zu lassen von dem, was es bedeutet, klassischer Musiker zu sein“, sagte er der „WamS“.

Mit 26 veröffentlichte Kennedy sein erstes Album, Elgar's Violinkonzert, und wurde prompt mit einem Brit Award für Klassik ausgezeichnet. Einen weiteren gewann er 1993, bevor die Kategorie eingestellt wurde. Neben der Klassik gehörten Jazz und Rock schon immer zu seinen Leidenschaften. Er spielte Musik von George Gershwin und Django Reinhardt, von den Doors und von seinem geliebten Jimi Hendrix. „Hendrix ist wie Beethoven“, sagte er dem „Guardian“ nach der aufsehenerregenden Konzertabsage an Classic FM.

Der Radiosender ist übrigens nicht die einzige britische Institution, mit der sich Kennedy in letzter Zeit angelegt hat. Die altehrwürdige BBC bezeichnete der Geiger, der sich selbst immer noch politisch links verortet, den nach eigener Aussage aber die Empfindlichkeit der Linken zunehmend stört, vor kurzem als „erbärmliche und verzweifelt politisch korrekte Institution“. Das kam bei den Verantwortlichen dort erwartungsgemäß nicht so gut an. Seit einiger Zeit herrscht Funkstille zwischen beiden Parteien.

In seinem Privatleben geht es dem Vernehmen nach etwas ruhiger zu. Mit seiner zweiten Frau Agnieszka, einer Polin, lebt er in Krakau in einem Haus mitten in der Wildnis. Nicht nur beruflich ist er aber regelmäßig in Großbritannien. Stichwort: Enfant terrible. Sein 25 Jahre alter Sohn Sark aus erster Ehe ist gerade wegen Kokainhandels zu 33 Monaten Gefängnis verurteilt worden. „Mein Sohn weiß, dass ich für ihn da bin und ihm helfen kann, einen anderen Lebensweg einzuschlagen“, so Kennedy. „Aber es ist nicht an mir, ihm zu sagen, was er zu tun hat.“

In Bezug auf Drogen ist Kennedy zwar äußerst locker, noch heute genehmige er sich häufiger einen Joint, sagt er. Aber für Kokain hat er nichts übrig. „Ich habe immer klar gesagt, dass ich das Zeug in meinem Umfeld nicht haben will“, sagte er der „Daily Mail“. „Ich hasse dieses Zeug. Das verbessert die Atmosphäre in keinster Weise.“

Kurz vor seinem Geburtstag hat Kennedy seine Autobiografie veröffentlicht. „Nigel Kennedy - Uncensored“ heißt das Buch, in dem der Geiger wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nimmt. „Ich bin 64 Jahre alt, die Art, wie ich mich oft ausdrücke, könnte die heutige Gedankenpolizei als politisch unkorrekt einstufen, besonders dann, wenn ich witzig sein will“, scherzt er im Vorwort. „Bitte regt auch nicht auf, sondern bleibt happy.“

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