Mit der Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen. Verstanden
Boulevard

„Steig. Nicht. Aus!“: Deutscher Thriller mit Tiefgang

Film

Montag, 9. April 2018 - 11:11 Uhr

von Von Matthias von Viereck, dpa

dpa Berlin. Wotan Wilke Möhring kann in diesem Hochgeschwindigkeits-Thriller mit ernstem Subtext zeigen, was alles an schauspielerischem Talent in ihm steckt. An seiner Seite spielen Hannah Herzsprung, Christiane Paul und Mavie Hörbiger.

Per Telefon wird Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) vom Erpresser über die nächsten Schritte instruiert. Foto: Iris Janke/NFP marketing & distribution

Vor 13 Jahren macht ein junger deutscher Regisseur mit einem Thriller auf sich aufmerksam: „Antikörper“ feiert seine Premiere in New York, es gibt positive Kritiken für Christian Alvarts Film - in dem Wotan Wilke Möhring („Happy Burnout“) eine der Hauptrollen spielt.

Anzeige

Jetzt haben Alvart und Möhring erneut zusammen einen Thriller gedreht: Bei „Steig. Nicht. Aus!“ handelt es sich um die Adaption eines spanischen Films von 2015 („Anrufer unbekannt“). Alvart, den man auch als „Tatort“-Regisseur kennt, erzählt uns von einem Familienvater und Geschäftsmann, der urplötzlich nicht nur um sein eigenes, sondern auch ums Leben seiner beiden schulpflichtigen Kinder bangen muss. Nebst dem 50-jährigen Möhring sind weitere deutsche Darsteller zu sehen: Mavie Hörbiger etwa, Fahri Yardim und Marc Hosemann.

Vielleicht ist es kein gutes Omen, wenn der Hochzeitstag der 1. April ist: Karl Brendt jedenfalls, erfolgreich im Einsatz für ein Immobilienunternehmen, landet bei dräuendem Gewitter in Berlin-Tegel. Schnell geht’s zur Familie, eigentlich will er seiner Frau (Christiane Paul) zum Jubiläum gratulieren. Die aber ist im Dauerstress, hat den 15. Hochzeitstag komplett vergessen. Stattdessen bringt Brendt den Nachwuchs zur Schule.

Auf der Stadtautobahn ereilt ihn ein seltsamer Anruf: „Deine Kinder und du, ihr sitzt auf einer Bombe!“. Der Unbekannte droht, das Auto mit dem unterm Sitz versteckten Sprengsatz in die Luft zu jagen, sollte Karl versuchen, auszusteigen. Doch damit nicht genug: Vom Auto aus soll er 67 000 Euro in bar besorgen. Und zudem 400 000 Euro auf ein Offshore-Konto überweisen.

Eine schier unlösbare Aufgabe, und das selbst für einen so abgebrühten Geschäftskerl wie Karl Brendt. Als ihn seine Ehefrau Simone zudem verdächtigt, die gemeinsamen Kinder entführt zu haben, nimmt die Polizei die Verfolgung von Karl auf. Es kommt nicht nur zu einem wahnwitzigen Wettlauf gegen die Zeit. Regisseur Alvart schenkt uns auch erinnerungswürdige Auftritte von Neben-Darstellern wie etwa Hannah Herzsprung („Vier Minuten“), die hier eine so resolute wie hochschlaue Sprengstoffexpertin verkörpert. Das atemlose filmische Geschehen kulminiert in einem so gekonnt wie auch packend inszenierten Showdown mitten auf dem Berliner Gendarmenmarkt.

Wotan Wilke Möhring, dessen Gesichtsfalten, so scheint’s, von Einstellung zu Einstellung an Tiefe gewinnen, gibt eine beeindruckende und nur zuweilen überengagierte Vorstellung. Den fürsorglichen, den warmen Familienvater jedenfalls (stets spürt man, wie sehr er seine Kinder liebt) nimmt man ihm genauso ab wie den kalt-professionellen Business-Typen. Wenn man von einigen, nicht gänzlich nachvollziehbaren und kaum glaubhaften Eckpfeilern im Drehbuch (ebenfalls: Alvart) absieht, handelt es sich bei „Steig. Nicht. Aus!“ um das ergreifende Psychogramm eines Mannes in einer Lebensmittekrise. Eines Mannes, dessen komplettes Leben auseinander zu fallen droht. Der sich in einem unsagbaren Alptraum wieder findet.

„Steig. Nicht. Aus!“ aber hat einen noch größeren Horizont: Es geht auch um eine Stadt im Umbruch. Um den heißgelaufenen Immobilienmarkt Berlins, um die Gegensätze zwischen Reich und Arm, mit denen sich auch die Hauptstadt konfrontiert sieht. Im Lauf des Films erfahren wir en passant mehr darüber, mit welch ruppigen Methoden Brendts Arbeitgeber gegen nicht erwünschte Mieter vorgeht; es geht auch um einen Selbstmord, an dem Karl Mitschuld trägt.

Der Regisseur Christian Alvart jedenfalls zeigt uns in seinem 105-Minüter, der angereichert ist mit manch imposantem Berlin-Bild, nicht nur schicke Neubauten, sondern auch eine Demonstration von Gentrifizierungs-Gegnern. Dass „Steig. Nicht. Aus!“ indes nicht zur plumpen Anklage gerät gegen Karl (den vermeintlich empathielosen Immobilienhai), macht diesen speziellen, mit Adrenalin geladenen Berlin-Film zu einem sehenswerten Ereignis.

- Steig. Nicht. Aus!, Deutschland 2018, 105 Min., FSK ab 12, von Christian Alvart, mit Wotan Wilke Möhring, Christiane Paul, Hannah Herzsprung.

Ihr Kommentar zum Thema

„Steig. Nicht. Aus!“: Deutscher Thriller mit Tiefgang

Verbleibende Zeichen:

Regeln fürs Kommentieren

Bitte bleiben Sie fair und sachlich. Schreiben Sie keine Kommentare, die Beleidigungen, Verleumdungen oder falsche Tatsachenbehauptungen enthalten. Beiträge, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht (siehe Netiquette).

Bitte beachten Sie, dass Ihr Kommentar unter Ihrem echten Namen veröffentlicht wird!


captcha

Anzeige
Anzeige