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„Suspiria“ - wilder Hexentanz mit Starbesetzung

Film

Montag, 12. November 2018 - 10:02 Uhr

von Von Barbara Munker, dpa

dpa Los Angeles. In „Suspiria“ läßt Luca Guadagnino das Blut nur so spritzen. Der italienische Regisseur holt Stars wie Tilda Swinton und Dakota Johnson an eine von Hexen geführte Tanzschule. Schauplatz ist Berlin im Jahr 1977.

Madame Blanc (Tilda Swinton) ist die strenge Leiterin einer Tanzakademie, in der ein Hexenzirkel sein Unwesen treibt. Foto: -/capelight pictures

Er ist der Meister der schönen, schwelgerischen Bilder: Zu Jahresbeginn wurde Luca Guadagnino für seine vierfach Oscar-nominierte Hochglanzverfilmung des Romans „Call Me By Your Name“ gefeiert.

Mit viel Gefühl und erotischem Flirren erzählte der italienische Regisseur darin die Liebesgeschichte zweier junger Männer auf einem idyllischen Landsitz im sommerlichen Italien. Vor Guadagninos aber neuem Film sei nun gewarnt: „Suspiria“ ist das ganze Gegenteil einer erbaulichen Romanze.

Schauplatz für den Nerven aufreibenden Horrorschocker ist das triste Berlin im Jahr 1977. Dauerregen, Demonstrationen und Terror-Anschläge durch die linksradikale RAF sind der szenische Hintergrund für eine Geschichte voller Wahn und schwarzer Magie. Hinter der Fassade einer Tanzschule auf der Westberliner Seite, gleich an der Mauer, spielt sich Finsteres ab.

„Suspiria“ ist eine Neuauflage des Horror-Kultfilms von Dario Argento aus dem Jahr 1977. Auch darin gerät eine junge amerikanische Tänzerin in Deutschland in den Bann von Hexen, aber da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Während Argento das okkulte Blutbad in 90 Minuten abhandelt, schwelgt Guadagnino mehr als zweieinhalb Stunden in einem Mix aus wilden Tanzeinlagen, grausigen Blutorgien und überfrachteten Randgeschichten.

Zu der Mischung von Splatter- und Arthousefilm liefert der britische Radiohead-Frontmann Thom Yorke einen Soundtrack mit melancholischen Pianoballaden bis hin zu schrillen Geigen, unheilvollen Bässen und spukigen Gesängen.

„Suspiria“ geht sofort zur Sache. Verängstigt sucht die Tanzschülerin Patricia (Chloë Grace Moretz) den alten Psychotherapeuten Dr. Josef Klemperer auf und erzählt im Wahn von Hexen, die sie schlachten wollen. Wenig später verschwindet die Ballerina unter mysteriösen Umständen.

Mit der jungen Amerikanerin Susie (Dakota Johnson) aus dem ländlichen Ohio wird eine neue Schülerin an der Tanzakademie aufgenommen. Die Hauptdarstellerin aus der Sado-Mado-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ hält die blutige Tour de Force unter der strengen Schulleiterin Madame Blanc (Tilda Swinton) souverän durch. Nach und nach kommt Susie den mörderischen Geheimnissen des Hexenzirkels in den Gemäuern der Tanzakademie auf die Spur.

Auch die deutschen Schauspielerinnen Angela Winkler („Die Blechtrommel“) und die Fassbinder-Muse und Sängerin Ingrid Caven gehören dem Hexenreigen an, doch die Show gehört der schottischen Verwandlungskünstlerin Swinton („Doctor Strange“). Sie kommt im Doppelpack, als die eisige Madame Blanc und - nach täglich mehrstündiger Maske beim Dreh - als der 82 Jahre alte Psychoanalytiker Klemperer.

Als „Suspiria“ im September bei seiner Premiere in Venedig mit empörten Buh-Rufen und frenetischem Beifall bedacht wurde, gab die Besetzung noch Rätsel auf. Die einzige männliche Hauptrolle werde von einem Schauspieler namens Lutz Ebersdorf gespielt, hieß es damals. Das Verwirrspiel klärten Guadagnino und Swinton erst kürzlich auf. Aus „reinem Spaß“ habe sie auch den Mann gespielt, sagte die Oscar-Preisträgerin der „New York Times“. Der Regisseur holte tiefer aus. Der Film drehe sich um die Identität von Frauen. Die männliche Figur habe damit im Kern auch etwas Weibliches, erläuterte Guadagnino.

Fraglich ob Fans des klassischen Horrorgenres dem Regisseur auf seiner poetisch-tiefschürfenden Reise in schauerliche Abgründe folgen wollen. Guadagnino spart nicht mit Schockeffekten, von Fleischerhaken, grotesk verformten Körperteilen bis zu spritzenden Eingeweiden. Doch die zähe Blutorgie - in sechs Akten erzählt - ist mit verworrenen Nebensträngen und Symbolik überfrachtet. Nach zweieinhalb Stunden Laufzeit kommt der Titel des Films voll zum Tragen: „Suspira“ ist Lateinisch für Seufzer.


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