Mit der Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen. Verstanden
Boulevard

U.D.O., das Bundeswehr-Musikkorps und die Erleuchtung

Musik

Donnerstag, 16. Juli 2020 - 13:04 Uhr

von Interview: Matthias Bossaller, dpa

dpa Berlin. Wie kommen Heavy Metal, ein Militär-Orchester, Wacken und eine Kirche zusammen? Das ist eigentlich ganz einfach.

Außergewöhnliches Zusammentreffen: U.D.O. & Das Musikkorps der Bundeswehr. Foto: Andreas Bachmann/dpa

Es sind die Tage nach den ersten Lockerungen des Corona-Lockdowns. Das Interview mit Udo Dirkschneider, dem legendären früheren Accept-Sänger und langjährigen U.D.O.-Boss findet in einem Berliner Biergarten statt. Dem gebürtigen Wuppertaler sieht und merkt man seine 68 Jahre überhaupt nicht an.

Dirkschneider ist bester Laune und froh, endlich mal wieder unter Menschen zu kommen. Begleitet wird er von Christoph Scheibling, dem Dirigenten des in Siegburg ansässigen renommierten Musikkorps der Bundeswehr.

U.D.O. haben zusammen mit dem Militär-Orchester das Album „We Are One“ aufgenommen, das am 17. Juli veröffentlicht wird. Im Gespräch wird schnell klar, dass E-Gitarren und Speedmetal-Riffs besser zu Geigen und Schalmeien passen als man gemeinhin annehmen könnte.

Frage: Herr Dirkschneider, wann hatten Sie den ersten Kontakt mit Christoph Scheibling und dem Bundeswehr-Musikkorps?

Antwort: Das war 2015 durch unseren Auftritt auf dem Wacken-Festival. Danach haben wir gesagt, wir müssen mal ein Album zusammen aufnehmen. Zum Musikkorps der Bundeswehr hatte ich aber schon vorher Kontakt. Das muss 2009 gewesen sein, als wir ein U.D.O.-Album in der Nähe von Wilhelmshaven abgemischt haben. Unser Produzent und Haus- und Hofmeister Martin Pfeifer war Percussion-Meister bei der Bundeswehr. Er hatte damals ein Konzert. Und weil uns gerade langweilig war, sind wir einfach mitgegangen und haben uns das angeschaut.

Das Ganze hat in einer Kirche stattgefunden. Ich habe gedacht, wir hören jetzt irgendwelche Weihnachtslieder. Doch der Sound, der da gespielt wurde, passte meiner Meinung nach perfekt zum Heavy Metal. In der Kirche kam die Erleuchtung, und das Kind war damit geboren. Doch es war ein langer Weg, bis wir endlich mal zusammen spielen konnten. Von der Bundeswehrseite gab es einige Vorbehalte.

Frage: Waren Sie eigentlich bei der Bundeswehr?

Antwort: Ja, ich war bei der Bundeswehr. Allerdings als Sanitäter, ich habe der Menschheit also geholfen (lacht).

Frage: Gab es im Vorfeld des neuen Albums eigentlich Kritik? Die Bundeswehr ist schließlich nicht jedermanns Sache.

Antwort: Klar gab es Leute, die gesagt haben: „Ach nee, mit der Bundeswehr, muss das sein.“ Die Meckerer gibt es aber immer. Der überwiegende Teil der Reaktionen war aber positiv. Schließlich geht es hier um Musik und nicht um Krieg.

Frage: Herr Scheibling, hatten Sie durch U.D.O. Ihren ersten Kontakt zum Heavy Metal?

Antwort: Naja, Accept waren mir schon ein Begriff, doch Heavy Metal ist nicht mein bevorzugtes Genre. Wir waren im Musikkorps aber schon immer offen für neue und besondere Sachen. Dennoch gab es einige Leute bei uns, die skeptisch waren. Die fragten: „Wie jetzt Wacken?“ Wir spielen normalerweise in der Elbphilharmonie, wir spielen im Herkulessaal in München oder in der Kölner Philharmonie und jetzt auf einmal Wacken?

Frage: Wie viele Leute spielen in dem Musikkorps, und wie viele von denen hören Heavy Metal?

Antwort: Wir sind 60 Leute und etwa zehn davon sind im Heavy Metal zu Hause. Die kamen mit einschlägigen T-Shirts zur Probe (beide lachen).

Frage: Haben Sie durch die vermehrte Beschäftigung mit dem Heavy Metal eine vorher nicht gekannte Sympathie für dieses Genre entwickelt?

Antwort: Ich habe mir zwei Nightwish-Platten gekauft.

Antwort Dirkschneider: Das ist schön (lacht).

Antwort: Es ging mir darum, den sogenannten Symphonic-Metal zu verstehen. Deshalb habe ich mir die Nightwish-Platten gekauft und eine Struktur entdeckt, die mir gefallen hat. Die konnten wir auf unsere Zusammenarbeit mit U.D.O. anwenden.

Frage: Ich finde die Musik ist durchaus hörbar. Das Musikkorps wirkt nicht wie ein Fremdkörper. Wie haben Sie das kompositorisch hinbekommen, wie sind die Stücke entstanden?

Antwort: Von der Bandseite aus haben wir die Songs komponiert. Dabei hatten wir immer im Hinterkopf, dass die Stücke zum Musikkorps passen müssen. Später kamen die Arrangeure des Orchesters dazu und haben die passenden Kompositionen ausgesucht.

Antwort Scheibling: Wir haben einzelne Riffs bekommen und uns dann überlegt, welche Orchesterbegleitung dazu passen könnte. Wir haben darauf geachtet, dass die vielfältigen, unterschiedlichen Klangfarben in den Songs perfekt ausgedrückt werden.

Antwort Dirkschneider: Heavy Metal hat ohnehin viel mit Klassik gemeinsam. Beide Stile arbeiten viel mit Atmosphäre. Viele Metalbands hören sich klassische Musik an, um herauszufinden, wie man Atmosphäre in einem Song aufbaut.

Frage: Herr Dirkschneider, waren Sie alleine für die Texte verantwortlich?

Antwort: Nein, Stefan Kaufmann und Peter Baltes (frühere Accept-Musiker, Anm. d. Red.) haben auch dazu beigetragen. Die Aussage des Albums stand schon vorher fest.

Frage: Was ist denn die Kernaussage von „We Are One“?

Antwort: Wir leben alle auf einem Planeten zusammen. Und wir haben nur diesen einen Planeten. Es gibt keinen Planeten B.

Antwort Scheibling: Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass sie Verantwortung für unsere Erde übernehmen müssen.

Antwort Dirkschneider: Die übergreifenden Themen sind Klima, Rassismus, Gleichberechtigung. In „Rebel Town“ geht es im Prinzip um die Wiedervereinigung, sprich um Leipzig mit den großen Demonstrationen von 1989.

Frage: Die meisten Themen sind aktuell. Nur „Rebel Town“ sticht mit seinem Vergangenheits-Bezug heraus. Warum?

Antwort Scheibling: Die Menschen, die in diktatorischen oder autokratischen Systemen leben, sollen sich die friedliche Revolution von damals zum Vorbild und als Ermutigung nehmen, sich aufzulehnen. Es geht auch um den rebellischen Charakter.

Frage: Da passt meiner Meinung nach der Song „We Are One“ gut dazu. Er erinnert mich von der Struktur her ein bisschen an den Accept-Klassiker „I'm A Rebel“.

Antwort Dirkschneider. Was, jetzt nicht wirklich, oder? Da sehe ich keinen Bezug. Wir mussten für das Album ohnehin den Metalanteil runterfahren. Und den Leuten, die sich beschweren, dass die Gitarren zu leise sind, sage ich: „Das ist kein typisches U.D.O.-Gitarrenalbum. Das ist ein Album zusammen mit einem Orchester, in dem Flöten, Schalmeien oder auch Dudelsäcke zu hören sind.“

Frage: Bei dem Song „Neon Diamond“ singen Sie zusammen mit einer Frau. Sie haben in der Vergangenheit ein Duett mit Doro Pesch gesungen. Ist die Zusammenarbeit mit Manuela Markewitz die erste mit einer artfremden Künstlerin?

Antwort: Ich wollte eigentlich ein Duett mit Floor Jansen von Nightwish singen. Die hatte aber keine Zeit, weil die Band im Studio war. Dann kam Manuela ins Rennen, und das hat super geklappt. Und ja, das war quasi das erste Mal mit einer Sängerin, die nicht aus dem Heavy Metal kommt.

Frage: Mir scheint „Neon Diamond“ ist Ihr Lieblingssong auf der Platte, oder?

Antwort: Ich finde alle gut. Aber es stimmt schon. Richtig heraus stechend ist für mich „Neon Diamond“. „Pandemonium“ auf jeden Fall auch. „Blood And Sin“ ist auch sehr stark.

Frage: Und welches sind ihre Lieblingssongs, Herr Scheibling?

Antwort: Ich mag „Here We Go Again“ sehr. Das ist richtig groovy. „Rebel Town“ gefällt mir ebenfalls sehr. Ich finde der Song ist im 30. Jahr der Wiedervereinigung eine schöne Würdigung. Mit „Pandemonium“ haben wir eine richtig gute Aussage gegen Rechtsradikalismus getroffen. Irre gut ist uns auch „Blackout“ gelungen. Da passt die Kombination von symphonischem Anteil, von der Gitarre und den elektronischen Elementen. Und dann gibt es noch „Beyond Good And Evil“. Da spielt Deutschlands bester Dudelsackspieler Thomas Zöller. Er hat gesagt: „Kein Mensch auf der Welt kann das spielen, aber ich mach das.“ Er ist der erste Festland-Europäer, der in Schottland Dudelsack studiert hat. Die kennen den dort alle, er hat da einen großen Namen.

Frage: Wann kam denn die Idee zu „We Are One“ auf?

Antwort: Das war nach dem Auftritt bei den Karl-May-Festspielen in Elspe 2018. Da dachten wir, wir sollten jetzt mal ein Album zusammen machen.

Frage: Hatte die Band eigentlich mal Kontakt zu dem Musikkorps, oder hat jeder seine Sachen in verschiedenen Studios eingespielt?

Antwort: Direkten Kontakt gab es nur zwischen uns beiden und den Arrangeuren. Die Band und das Orchester sollten dieses Jahr eigentlich in Wacken aufeinandertreffen. Wegen Corona musste das leider ausfallen. Das soll aber 2021 nachgeholt werden. Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Leute das Album dann besser kennen, als wenn wir in diesem Jahr aufgetreten wären. Der Veröffentlichungstermin liegt nur zwei Wochen vor dem ausgefallenen Wacken-Festival.

Frage: In früheren Jahren soll es eine legendäre Party mit Mitgliedern des Marinekorps der Bundeswehr und U.D.O.-Musikern gegeben haben. Wie es sich für echte Rock'n'Roller gehört, sei dabei auch eine Hoteleinrichtung zu Bruch gegangen. Was hat es damit auf sich?

Antwort: Ach ja, das war nach unserem Auftritt in Tuttlingen 2014. Sagen wir mal so: Es war eine schöne Feier. Die Herrschaften der Bundeswehr sind sehr trinkfest.

Antwort Scheibling: Warum müssen da auch so blöde Möbel im Weg stehen? (beide lachen laut).

Frage: Corona hat die Pläne für Liveauftritte zunichte gemacht. Wie gehen Sie persönlich mit der Pandemie um?

Antwort Dirkschneider: Ich hoffe, ich kann bald zurück nach Ibiza. Ich bin vor ein paar Wochen noch im letzten Moment von der Insel runtergekommen. Mit dem Flieger ging da nichts mehr. Ich habe mit dem Auto noch die letzte Fähre erwischt, die gefahren ist. In Frankreich war der Transit zum Glück noch offen, so konnte ich nach Deutschland kommen. Die Autobahnen waren zu dem Zeitpunkt schön leer. Das war eine Geisterfahrt. Ich habe vielleicht drei Autos auf der Fahrt gesehen.

Antwort Scheibling: Wir sind quasi von der Bühne aus kalt gestellt worden. Wir waren gerade auf Tournee mit dem Musikkorps. Wir dürfen jetzt nur noch mit fünf Musikern spielen. Wir besuchen derzeit Krankenhäuser und Altenheime, um dort aufzutreten.

Frage: Wie sehen Sie die Aussichten für das Musikbusiness durch die Corona-Krise?

Antwort: Ich persönlich muss mir keine Sorgen machen. Aber ich bin mir sicher, dass kleinere Bands, Labels oder Promoter das nicht überleben werden. Wir werden nächstes Jahr sehen, wer dann noch da ist.

Frage: Sie haben bereits erwähnt, dass Stefan Kaufmann und Peter Baltes am neuen Album mitgewirkt haben. Jetzt befinden sich drei frühere Accept-Mitglieder bei U.D.O. gegenüber Wolf Hoffmann, der die Namensrechte inne hat und als einziger von der Originalbesetzung bei Accept übrig geblieben ist.

Antwort: Tja, was soll ich dazu sagen. Peter habe ich nach 15 Jahren durch Zufall im Studio getroffen, nachdem er bei Accept raus ist. Da gab es natürlich viel zu besprechen. Und er war sofort von der Idee begeistert, an dem Album mitzuarbeiten. Bei Stefan war es von vornherein geplant, dass er mit dabei ist. Mit ihm habe ich jahrelang U.D.O. gemacht, und er hat uns in Elspe an der Gitarre ausgeholfen.

Frage: Warum hat Peter Baltes Accept verlassen? Die offizielle Mitteilung war ziemlich nichtssagend?

Antwort: Das werde hier jetzt nicht sagen. Vielleicht später in meinem Buch. Wegen Corona habe ich jetzt viel Zeit. Da werde ich daran arbeiten. Ich kenne die ganze Geschichte, die sehr lang ist. Peter hat dann irgendwann den Stecker gezogen.

© dpa-infocom, dpa:200714-99-783351/4

Ihr Kommentar zum Thema

U.D.O., das Bundeswehr-Musikkorps und die Erleuchtung

Verbleibende Zeichen:

Regeln fürs Kommentieren

Bitte bleiben Sie fair und sachlich. Schreiben Sie keine Kommentare, die Beleidigungen, Verleumdungen oder falsche Tatsachenbehauptungen enthalten. Beiträge, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht (siehe Netiquette).

Bitte beachten Sie, dass Ihr Kommentar unter Ihrem echten Namen veröffentlicht wird!


captcha