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Inflation auf höchstem Stand seit etwa 70 Jahren

Freitag, 14. Oktober 2022 - 11:58 Uhr

von Friederike Marx, dpa

© Federico Gambarini/dpa

Die Inflation in Deutschland hat erstmals seit den Nachkriegsjahren die Marke von 10 Prozent erreicht. Angetrieben von hohen Energie- und Lebensmittelpreisen stiegen die Verbraucherpreise im September gegenüber dem Vorjahresmonat sprunghaft um 10,0 Prozent. Das Statistische Bundesamt bestätigte vorläufige Daten, die Ende September bekannt gegeben worden waren.

Im August war noch eine Jahres-Teuerungsrate von 7,9 Prozent verzeichnet worden. Die Menschen müssen sich nach Einschätzung von Volkswirten zunächst auf weiter hohe Inflationsraten einstellen. Etwas Entspannung erwartet die Bundesregierung im kommenden Jahr durch die geplante Gaspreisbremse.

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Hohe Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, diese können sich für einen Euro weniger leisten. Seit Monaten sind Energie und Lebensmittel die größten Preistreiber.

„Zudem haben das Auslaufen von 9-Euro-Ticket und Tankrabatt den Preisauftrieb im September 2022 verstärkt“, erläuterte Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes. Beide Maßnahmen waren bis Ende August befristet. Bund und Länder verhandeln derzeit über eine Nachfolge für das 9-Euro-Ticket.

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Laut einer YouGov-Umfrage im Auftrag der zum Deutsche-Bank-Konzern gehörenden Postbank legt jeder Zweite (53,9 Prozent) derzeit weniger Geld auf die hohe Kante oder kann aktuell gar nichts sparen, weil die stark gestiegenen Ausgaben zum Beispiel für Energie das Haushaltsbudget aufzehren. „Eine wachsende Zahl Sparerinnen und Sparer verfügen nicht mehr über Mittel, die sie dauerhaft anlegen können“, erläuterte Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden, Ulrich Stephan.

Steigende Kosten für Verbraucherinnen und Verbraucher

Für Energie mussten Verbraucher im September 43,9 Prozent mehr zahlen als ein Jahr zuvor. Mehr als doppelt soviel kostete leichtes Heizöl (plus 108,4 Prozent), Erdgas verteuerte sich um 95,1 Prozent. Die Preise für Strom kletterten um 21,0 Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich innerhalb eines Jahres um 18,7 Prozent. Vor allem Speisefette und Speiseöle sowie Molkereiprodukte und Eier kosteten erheblich mehr.

Gegenüber dem Vormonat stiegen die Verbraucherpreise in Europas größter Volkswirtschaft im September um 1,9 Prozent.

Um Verbraucher und Unternehmen wegen der stark steigenden Energiepreise zu unterstützen, hat die Bundesregierung einen Abwehrschirm von bis zu 200 Milliarden Euro angekündigt. Davon soll auch die geplante Gaspreisbremse finanziert werden. Diese dämpft laut Prognose des Bundeswirtschaftsministeriums den Anstieg der Verbraucherpreise im kommenden Jahr. Die Bundesregierung rechnet mit einer Inflationsrate von durchschnittlich 8,0 Prozent im laufenden Jahr und von 7,0 Prozent im kommenden Jahr.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel rechnet für das kommende Jahr mit einer Inflation von mehr als sieben Prozent in Deutschland. „Auch im kommenden Jahr wird die Inflationsrate hoch bleiben. Ich halte es für wahrscheinlich, dass zum Jahresende eine 7 vor dem Komma stehen wird“, sagte Nagel. Finanzminister Christian Lindner bezeichnete die Inflation als „größte Gefahr für unser wirtschaftliches Fundament“.

Mehr Insolvenzen als verzögerte Auswirkung der Krise?

Der Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crif in Deutschland, Frank Schlein, hält wegen der steigenden Kosten eine Verschuldungswelle in Europas größter Volkswirtschaft für möglich. Auf Dauer führe weniger Einkommen erst in die Überschuldung und dann möglicherweise in die Privatinsolvenz.

Die finanzielle Situation vieler Menschen bleibe durch die steigenden Miet- und Energiepreise angespannt. „Gerade für finanz- und einkommensschwache Haushalte wird sich die finanzielle Lage zuspitzen – auch weil die finanziellen Reserven durch Einbußen in der Corona-Pandemie aufgebraucht worden sind“, erläuterte Schlein.

Wirtschaftliche Krisen wirkten sich allerdings verzögert auf die Verbraucher aus. Crif rechnet in diesem Jahr mit 100.000 Privatpleiten in Deutschland nach 109.031 Fällen im vergangenen Jahr. 2023 sei ein Anstieg auf bis zu 120.000 Insolvenzen möglich.

© Jonas Walzberg/dpa

In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres sank die Zahl der Verbraucherpleiten in Deutschland noch. Crif zählte 71.107 Privatinsolvenzen und damit 13,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Allerdings waren die Zahlen in den ersten neun Monaten 2021 infolge einer Gesetzesänderung stark gestiegen. Der Vergleich falle daher verzerrt aus. Im Vergleich zu den ersten drei Quartalen 2019 – also dem Zeitraum vor der Gesetzesreform und vor Corona – wurden 11,8 Prozent mehr Privatinsolvenzen gezählt.

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern wurden Raten von 10 Prozent und mehr Anfang der 1950er Jahre gemessen, allerdings hat sich die Berechnungsmethode im Laufe der Zeit geändert.

Die Europäische Zentralbank (EZB), die sich mit höheren Zinsen gegen die rekordhohe Inflation stemmt, strebt für den Euroraum mittelfristig Preisstabilität bei zwei Prozent Inflation an. Im September betrug der für die Geldpolitik maßgebliche Index HVPI für Deutschland 10,9 Prozent.


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