„Charlie Hebdo“-Prozess endet: Urteil wird erwartet

dpa Paris. Niemand der Angeklagten hat im Januar 2015 selbst geschossen. Doch ohne sie, davon ist die Anklage überzeugt, wäre die islamistische Terrorserie auf „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt nicht möglich gewesen. Den mutmaßlichen Helfern drohen lange Haftstrafen.

„Charlie Hebdo“-Prozess endet: Urteil wird erwartet

Einschusslöcher sind an einem der Anschlagsorte zu sehen. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Nach mehr als 50 Verhandlungstagen soll im Prozess um den islamistischen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ das Urteil fallen.

Seit Anfang September stehen in Paris elf mutmaßliche Helfer der Terrorserie von 2015 vor Gericht. Damals wurden 17 Menschen getötet. Drei weitere Angeklagte sind flüchtig. Die Staatsanwaltschaft forderte in der vergangenen Woche lange Haftstrafen - von fünf Jahren bis lebenslänglich. Wegen der Corona-Pandemie war der Prozess rund einen Monat lang unterbrochen worden.

Innenminister Gérald Darmanin bewertete den Prozess bereits als historisch. Alle Verhandlungen werden wegen der enormen Bedeutung des Prozesses auf Video aufgezeichnet und archiviert. Vor einem Sondergericht für Terrorfälle wird nicht nur der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 verhandelt, sondern auch die anschließende Attacke auf einen koscheren Supermarkt im Süden von Paris.

Als Hauptbeschuldigter gilt der 35-jährige Ali Riza Polat. Er soll bei der Vorbereitung der Anschläge eine zentrale Rolle gespielt haben. Polat hat nach Auffassung der Staatsanwaltschaft dem Attentäter Amédy Coulibaly nahegestanden, der eine Polizistin im Süden von Paris erschoss und am Tag darauf vier Geiseln im Supermarkt tötete.

Nach den Attacken versuchte Polat, sich offenbar über den Libanon nach Syrien abzusetzen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Haftstrafe. Der Franzose türkischer Herkunft hatte im Prozess mit seinem Verhalten immer wieder für Aufsehen gesorgt. Er war laut und impulsiv - der Vorsitzende Richter rief ihn oftmals zur Ordnung. Er könne sich nicht für etwas entschuldigen, was er nicht getan habe, erklärte er am letzten Verhandlungstag Berichten zufolge. Polat bestritt, von den Terrorplänen gewusst zu haben.

Auch die anderen Angeklagten, die wie Polat in einer Glasbox im Gerichtssaal saßen, wollen mit Terror nichts zu tun gehabt haben. Die meisten von ihnen bestritten nicht, in Waffen- oder Drogenhandel verstrickt zu sein, einige erzählten sogar mit Stolz, wie gut sie dabei verdient hätten. Nur einer der elf anwesenden Beschuldigten, Christophe Raumel, sitzt aktuell nicht mehr in Haft.

Der Prozess hat nur bedingt die Hintergründe der grausigen Taten aufklären können. Stattdessen warf er ein Schlaglicht auf das Milieu von Vorstadt-Kriminellen. Diese schilderten teils detailreich ihren Alltag außerhalb der Gesellschaft mit Gefängnisaufenthalten, kriminellen Deals, Alkohol und Gefälligkeiten. Beschaffte Waffen dienten angeblich für einen Banküberfall, mutmaßliche Kurierfahrten für den Besuch von Prostituierten. Niemand aber wollte etwas von den mörderischen Angriffsplänen gewusst haben.

„Dies ist der Prozess der Rädchen, ohne die es keinen Angriff geben könnte“, sagte Richard Malka, Anwalt der Satirezeitung „Charlie Hebdo“, jüngst dem Sender Franceinfo. Es seien manchmal mittelmäßige Gauner an der Basis - aber sie hätten den Terror erst möglich gemacht. Malka erzählte auch, dass er den Gerichtssaal verlassen habe, als ein Video des Angriffs auf „Charlie Hebdo“ gezeigt wurde. „Für mich ist es unerträglich, ich habe nicht die Kraft, mir das anzusehen.“

Zu Beginn des Prozess standen weniger die Täter als die schrecklichen Taten und das Leid der Angehörigen im Mittelpunkt. Überwachungsvideos zeigten, wie die Brüder Chérif und Said Kouachi das Satiremagazin mitten in Paris überfielen. Bei dem Mordanschlag wurden unter anderem die wichtigsten Zeichner des Blattes getötet. Aufnahmen zeigen auch die Redaktionsräume nach dem Angriff. „Eine Kriegszene“, beschrieb der damals zuständige Staatsanwalt François Molins, was er im Januar 2015 dort gesehen hatte und nun auch im Gericht gezeigt wurde.

Überlebende und Angehörige schilderten, wie sie noch heute vom Horror der Taten verfolgt werden. So erschien Simon Fieschi, Webmaster von „Charlie Hebdo“, für sein Leben lang gezeichnet vor Gericht. „Ich kann keinen Finger mehr bewegen, manchmal juckt es!“, zitierte ihn der Sender France Inter. Die Geiseln des jüdischen Supermarktes schilderten, wie Coulibaly dort vier Menschen ermordet hatte. Angehörige erzählten, wie sie erfuhren, dass ihre Liebsten tot sind. „Unsere Stadt hat sich verändert, hat ihre Leichtigkeit verloren“, erklärte die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die ebenfalls aussagte.

Während der Prozess unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im neuen gläsernen Gebäude des Justizpalasts lief, wurde Frankreich wieder Opfer des Terrors - gleich drei Mal innerhalb weniger Wochen. Ein Attentäter griff zwei Menschen vor den ehemaligen Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo“ an. Der brutale Mord am Lehrer Samuel Paty löste internationales Entsetzen aus, so wie auch der Anschlag in einer Kathedrale in Nizza. Wieder waren den Erkenntnissen nach die Mohamed-Karikaturen Motiv der Attacken - so wie schon vor knapp sechs Jahren. Und der blanke Hass.

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