Diskriminierung bei Brauchtums-Fischen: Urteil erwartet

dpa Memmingen. Dürfen Vereine aus Tradition Frauen von Bräuchen ausschließen? Im Allgäu hat eine Frau deswegen ihren eigenen Verein verklagt - und Recht bekommen. Im Berufungsverfahren steht nun das Urteil bevor.

Diskriminierung bei Brauchtums-Fischen: Urteil erwartet

Männer stehen beim Memminger Fischertag zum Ausfischen mit ihren Keschern im Stadtbach. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Darf eine Frau bei einem Traditionsfischen im Allgäu die dickste Forelle fangen? Im Streit um diese Frage zwischen dem veranstaltenden Verein und einem weiblichen Mitglied entscheidet heute das Landgericht Memmingen.

Die Klägerin hatte in erster Instanz vor dem Amtsgericht gewonnen: Dass nur Männer bei dem Höhepunkt des Fischertags in Memmingen mitmachen dürfen, sei unzulässige Diskriminierung, urteilte die Richterin. Dagegen hatte der Fischertagsverein Berufung eingelegt.

Das Urteil des Landgerichts könnte wegweisend für Männerbastionen bei Vereinsveranstaltungen sein. Denn bei der Entscheidung geht es darum, welches Grundrecht Vorrang hat: Vereinsfreiheit oder Gleichbehandlung. „Das kann so oder so ausgehen“, sagte der Vorsitzende Richter bei der mündlichen Verhandlung Ende Juni.

Das Gericht müsse bei seiner Abwägung mehrere Fragen einbeziehen: Hat der Fischertagsverein eine Monopolstellung in der Stadt? Hat er einen ausreichenden Grund dafür, Frauen vom Ausfischen auszuschließen - zum Beispiel wegen der exakten Darstellung eines historischen Ereignisses? Und ist das höchstens 45 Minuten lange Ritual wirklich so wichtig, dass die Klägerin daran teilnehmen dürfen muss?

Die Fronten im Memminger Streit sind verhärtet: Bei der mündlichen Verhandlung lehnten beide Parteien eine gütliche Einigung ab. Nachdem das Landgericht bereits angekündigt hat, eine Revision seines Urteils beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe zuzulassen, könnte das Verfahren dort nach der Entscheidung am Mittwoch weitergehen.

Beim Fischertag springen die Teilnehmer jedes Jahr im Sommer in den Memminger Stadtbach und holen Forellen aus dem Wasser. Wer den größten Fisch fängt, wird Fischerkönig. Die Veranstaltung geht darauf zurück, dass früher der städtische Bach einmal jährlich leergefischt wurde, um den Kanal zu reinigen. Diese Tradition ist nach Angaben des Vereins bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Umstritten ist das Treiben nicht nur wegen des Ausschlusses von Frauen. Tierschützer kritisieren die Veranstaltung schon lange als Tierquälerei.

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