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In- und Ausland

Dutzende Tote bei US-Angriff auf Regierungstruppen in Syrien

Militär

Donnerstag, 8. Februar 2018 - 14:01 Uhr

von Von Jan Kuhlmann, dpa

dpa Damaskus. Die USA halten sich aus Syriens Bürgerkrieg eigentlich raus. Trotzdem greift die US-geführte Anti-IS-Koalition Anhänger von Präsident Baschar al-Assad an. Das Bündnis spricht von Selbstverteidigung.

Zwei US-Soldaten schauen von ihrer Basis in Syrien zur türkischen Grenze hinüber. Foto: Susannah George/AP

Bei einem der seltenen Angriffe der US-Armee auf regierungstreue Truppen in Syrien sind Dutzende Kämpfer ums Leben gekommen. Das US-Militär schätzte die Zahl der Toten im Osten des Bürgerkriegslandes auf mehr als 100, wie der Sender CNN an diesem Donnerstag berichtete.

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Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete mindestens 45 getötete Regierungskräfte. Die Anti-IS-Koalition griff nach eigenen Angaben mit Verbündeten in Selbstverteidigung aus der Luft und mit Artillerie an. Syriens Führung sprach hingegen von einer „Aggression“ zur Terrorunterstützung.

Die USA gehören zwar zu den Gegnern von Syriens Machthaber Baschar al-Assad, vertreten aber eigentlich die Linie, sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten. An der Spitze der internationalen Koalition bekämpfen sie nur die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Schon im vergangenen Jahr hatten sie jedoch Regierungskräfte angegriffen. Im April bombardierten sie nach einem verheerenden Giftgasangriff auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Chan Scheichun einen syrischen Militärflughafen. Im Mai starben bei einem Angriff auf Syriens Armee und Verbündete im Süden des Landes mindestens acht Menschen. Das Pentagon sprach von Selbstverteidigung.

Als solche stellte das Anti-IS-Bündnis auch den neuen Zwischenfall am Mittwoch in der Provinz Dair as-Saur dar. Die Regierungsanhänger hätten im Euphrattal das Gebiet um ein Hauptquartier der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit Panzer und Artillerie angegriffen. Dort hätten sich auch Soldaten des Anti-IS-Bündnisses aufgehalten.

Die SDF, von Kurden angeführt, sind eng mit Washington verbündet und bekämpfen mit Unterstützung der Koalition den IS. Das Gebiet um die frühere Extremistenhochburg Dair as-Saur nahe der Grenze zum Irak ist strategisch wichtig. Hier stehen sich SDF und Regierung gegenüber. Zudem liegen im Euphrattal wichtige Ölvorräte des durch den Bürgerkrieg schwer geschädigten Landes. Ein Offizieller der US-Armee sagte CNN, die Regierungskräfte hätten diese wohl erobern wollen.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana bestätigte den Angriff. Aus syrischen Militärkreisen hieß es, mehr als 150 regierungstreue Kämpfer seien getötet oder verletzt worden. Unter den Toten seien auch afghanische Kämpfer gewesen. „Es ist so klar, dass es in Syrien nie Ziel der US-geführten Koalition war, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen, sondern Syrien“, twitterte der regierungstreue syrische Abgeordnete Faris Schihabi.

Moskaus Soldaten, die die Assad-Truppen im Bürgerkrieg unterstützen, wurden nicht angegriffen. Die Anti-IS-Koalition erklärte jedoch, sie habe mit ihrem russischen Gegenüber vor, während und nach dem abgewehrten Pro-Regime-Angriff in regulärem Kontakt gestanden.

Syriens Regierungskräfte konnten in den vergangenen Monaten große Geländegewinne erzielen. Der Zwischenfall zeigt jedoch, wie weit das unter verschiedenen Gruppen aufgeteilte Land von einem Frieden entfernt ist. Weiter westlich setzte Syriens Luftwaffe zugleich ihre schwere Bombardierung eines Rebellengebietes nahe der Hauptstadt Damaskus fort und tötete Aktivisten zufolge mindestens 23 Zivilisten. 125 Zivilisten seien bei Luftangriffen auf die Region Ost-Ghuta verletzt worden, meldeten die Menschenrechtsbeobachter.

Syrische Jets fliegen seit Tagen Angriffe auf die Region, die vor allem von islamistischen Milizen kontrolliert wird und eines der letzten Rebellengebiete in Syrien ist. Die Menschenrechtler erklärten am Donnerstag, innerhalb von 72 Stunden seien mehr als 150 Zivilisten gestorben. Regierungstruppen haben das Gebiet seit langem eingeschlossen. Rund 400 000 Menschen sind fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die humanitäre Lage ist dramatisch. Es herrscht akuter Mangel an Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.

In Ost-Ghuta scheiterte auch der Versuch Russlands, des Irans und der Türkei, die Lage zu deeskalieren. Im Bemühen um ein Ende der Gewalt in Syrien wollen die Staatschefs der drei Länder zu einem weiteren Gipfel zusammenkommen. Teheran ist neben Moskau wichigster Verbündeter der Regierung, Ankara unterstützt Rebellen. Die drei Mächte hatten sich im vergangenen Jahr auf sogenannte Deeskalationszonen für Syrien geeinigt, wo seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 mehr als 400 000 Menschen ums Leben kamen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nannte Syriens Machthaber Assad am Donnerstag erneut einen „Mörder“ und schloss Gespräche mit ihm aus. „Was sollen wir mit einem Mörder reden, der eine Million seiner Bürger getötet hat“, sagte er in Ankara vor Lokalpolitikern.

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