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Gigantischer Friedhof der Feuerstühle in Vietnam

Gesellschaft

Montag, 3. Mai 2021 - 10:35 Uhr

von Von Chris Humphrey und Carola Frentzen, dpa

dpa Hanoi. Zwar tummeln sich auf den Straßen Vietnams immer mehr schicke SUV's, aber die Liebe der Menschen zu ihren Motorrädern bleibt ungebrochen. Mehr als sechs Millionen knatternde Zweiräder verstopfen allein die Straßen von Hanoi. Wenn sie „sterben“, kommen viele nach Tề Lỗ.

Die Flagge Vietnams weht in Te Lo über einem Haufen rostiger Autoachsen, dahinter steht eine leere LKW-Kabine. Foto: Chris Humphrey/dpa

Die Straßen von Tề Lỗ sind von rostigen Überbleibseln ausgemusterter Motorräder gesäumt. Dazu gesellen sich Fragmente von Autos, Kränen oder Bulldozern. Das ehemalige Bauerndorf etwa 60 Kilometer vor den Toren der pulsierenden Hauptstadt Hanoi wirkt wie ein einziger großer Schrottplatz.

Reifen, Motoren, Auspuffrohre und Scheinwerfer ehemals geliebter Zweiräder türmen sich auf dem Friedhof der Feuerstühle in rund 400 Recyclinghöfen. Etwa 1000 Familien suchen hauptberuflich nach wertvollem Altmetall zur Wiederverwendung und zum Verkauf.

Ihr Motorrad ist vielen Vietnamesen so heilig, dass es fast wie ein Familienmitglied beäugt wird. Krafträder werden für so ziemlich alles benutzt. Das beginnt bei der Fahrt zur Arbeit oder zur Schule mit manchmal vier oder fünf Personen, die sich zwischen Gepäckträger und Lenker aneinanderklammern. Andere nutzen ihr Motorrad für Taxidienste, wieder andere als Transportmittel für Umzugsboxen beim Wohnungswechsel.

Vor dem vietnamesischen Neujahrsfest nach dem Mondkalender bringen die Leute hingegen auf ihren Zweirädern in Scharen Kumquat-Bäumchen und Pfirsichblütenzweige heim, die traditionell die Häuser zieren und Glück für das nächste Jahr verheißen sollen. Viele Straßen verwandeln sich in eine Art „fahrenden Wald“, wenn Motorradfahrer oftmals gleich mehrere Pflanzentöpfe mit baumelnden Zwergorangen transportieren.

„Für mich ist das Motorrad eines der wichtigsten Dinge in Vietnam überhaupt“, sagt der 28-jährige Linh Pham aus Hanoi. „Es ist mehr als ein Fortbewegungsmittel, vielen sichert es den Lebensunterhalt.“ Ein Freund von ihm sei zudem überzeugt, dass es für viele von Vorteil sei, schon in jungen Jahren an den verrückten Verkehr gewöhnt zu werden. „Er meint, das bereite uns auf die Unsicherheiten und das Chaos des Lebens vor - und ich glaube, da ist was Wahres dran.“

Viele Städte in dem Land am Mekong sind zudem aus früheren Dörfern erwachsen, wobei die Wege zwischen den Reisfeldern schlicht in Straßen umgewandelt wurden. Deshalb sind die Fahrbahnen oft sehr eng, was sie ideal für Motorräder und Fahrräder macht. „Zweiräder sind bis heute in Vietnam das geeignetste Fortbewegungsmittel“, ist der 24-jährige Tran My Duyen überzeugt. Die Infrastruktur sei für die zunehmende Zahl an Autos einfach nicht gemacht.

Die Liebe der Vietnamesen zu ihren Motorrädern dauert über deren Tod hinaus an - und macht die ehemals heißen Gefährte für so manchen als Einzelteillager zu einer lukrativen Einnahmequelle. Arbeiter im Recycling-Dorf Tề Lỗ teilen frisch gelieferte Motorräder und andere Fahrzeuge zunächst in die Kategorien „lebend“ oder „tot“ ein. Erstere werden als Gesamtstücke weiterverkauft, zweitere werden zerlegt, um mit ihren Einzelteilen anderen Verkehrsmitteln neues Leben einzuhauchen.

„Wir recyceln hier schon seit den 1990er Jahren Motorräder und Autos“, sagt Nguyen Thanh Tuan, der einen der Höfe betreibt. „Bis dahin haben die Menschen hier von Landwirtschaft gelebt, aber jetzt leben wir von der Wiederaufbereitung von Altmetall.“ Überall in Tề Lỗ durchforsten die Leute rostige Relikte nach noch brauchbaren Materialien.

„Wir trennen etwa Aluminium und Eisen und erhitzen sie in einem Ofen, bevor wir sie recyceln“, erklärt Tuan. Überall im Dorf sind die Geräusche von Metallsägen zu hören. Es wird gestapelt, gesucht und geschweißt, bis die Funken sprühen. Der 35-Jährige sagt, auch die Corona-Pandemie habe das blühende Geschäft nicht negativ beeinflusst. Händler hätten weiter Zehntausende ausgediente Motorräder und andere Transportmittel vorbeigebracht und den Menschen in Tề Lỗ so zu großen Gewinnen verholfen.

Do Hung (23) erzählt, dass er schon seit seinem 16. Lebensjahr mit seiner Familie in dem Dorf arbeitet - und den Job ein Leben lang weitermachen will. „Viele sind hier sehr reich geworden, auch wenn andere pleite gegangen sind“, sagt der junge Mann. „Aber einige Familien haben Millionen Dollar verdient.“

Was für die Menschen finanziell gut ist, ist aber wie so oft schlecht für die Umwelt. Beim Recycling-Prozess werden etwa Farbreste, Gummidichtungen und Schmiermittel für Maschinen abgeworfen, die häufig nicht nur auf Ackerland, sondern auch in Flüsse und Bäche gelangen. Oder sie werden verbrannt.

Lokalen Medienberichten zufolge hatte mindestens die Hälfte der Menschen in der Region schon Atemwegserkrankungen oder Verdauungsprobleme. Die Krebsraten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Tests haben gezeigt, dass das Wasser so verschmutzt ist, dass die für die Gesundheit unbedenklichen Werte deutlich überschritten sind. Den Glücksuchern in Tề Lỗ ist es aber bislang offenbar das Risiko wert.

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Do Hung steht im Hof des Familienbetriebs, eingerahmt von gewölbten Bulldozer-Spuren. Foto: Chris Humphrey/dpa

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