Journalist Tichy gibt Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab

dpa Berlin. Er war schon früher nicht bei allen Mitgliedern der Ludwig-Erhard-Stiftung wohl gelitten: der Vorsitzende Roland Tichy. Ein frauenfeindlicher Kommentar in seinem Magazin brachte das Fass wohl zum Überlaufen.

Journalist Tichy gibt Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab

Roland Tichy, damaliger Chefredakteur "Wirtschaftswoche", während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner". Foto: Karlheinz Schindler/dpa-Zentralbild/dpa

Der in die Kritik geratene Journalist Roland Tichy gibt den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab. Er trete bei der am 30. Oktober anstehenden Wiederwahl nicht mehr an, heißt es in einem Schreiben des Vorstandes vom Donnerstag an die Mitglieder der Stiftung.

Grund für den Schritt Tichys, der seit 2014 den Vorsitz inne hat, ist ganz offensichtlich eine Debatte um frauenfeindliche Äußerungen über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli in der Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz, twitterte zu Tichys Rückzug: „Die einzig richtige Entscheidung.“ Chebli twitterte, der Rücktritt von Tichy sei „längst überfällig“ gewesen, „aber er löst natürlich nicht das Riesenproblem, das wir mit Sexismus haben. Deshalb: Lasst uns auch künftig alle niemals schweigen!“

Zunächst hatte die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU), ihre Mitgliedschaft in der Stiftung aus Protest gegen Tichy gekündigt. „Grund für diese Entscheidung ist eine Publikation in dem Magazin "Tichys Einblick", die frauenverachtende und in höchstem Ausmaß sexistische Äußerungen gegenüber meiner Kollegin Sawsan Chebli enthält“, sagte Bär dem „Handelsblatt“.

Am Donnerstag kündigten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sowie der Vorsitzende der Mittelstandsunion Carsten Linnemann an, mit sofortiger Wirkung ihre Mitgliedschaft in der Ludwig-Erhard-Stiftung ruhen zu lassen. Das CDU-Präsidiumsmitglied Spahn und CDU/CSU-Fraktionsvize Linnemann erklärten dazu: „Die Ludwig-Erhard-Stiftung ist eine Institution mit langer Tradition und dem Erbe des Namensgebers verpflichtet. Leider ist seit geraumer Zeit eine Debattenkultur von führenden Vertretern der Stiftung festzustellen, die dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Das schadet dem Ansehen Ludwig Erhards.“

Kritik an Tichy äußerte nach Angaben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls Mitglied der Stiftung ist. In einem Schreiben an die anderen Mitglieder der Stiftung argumentiert Weidmann demnach: „Als Mitglied schätze ich die Stiftung, weil sie der Fortentwicklung marktwirtschaftlichen und freiheitlich-demokratischen Denkens eine Plattform bietet. Ein Ziel, das gerade in der heutigen Zeit in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Dazu gehört aus meiner Sicht ein Debattenklima gegenseitigen Respekts, nicht nur innerhalb der Stiftung, sondern auch darüber hinaus.“

Merz hatte bereits 2018 den Ludwig-Erhard-Preis abgelehnt. Wie das „Handelsblatt“ damals unter Berufung auf Einschätzungen von Jury-Mitgliedern berichtete, war ein Grund, dass er bei der Verleihung mit Tichy zusammen auf der Bühne stehen sollte.

Tichy selbst bezeichnet sein Magazin als „liberal-konservatives Meinungsmagazin“. Das Magazin und die Online-Plattform tichyseinblick.de gehören für viele Politiker aus dem rechtspopulistischen Spektrum zur Pflichtlektüre. Tichy war von 2007 bis 2014 Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“.

Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders, der frühere Wirtschaftsminister und Kanzler Ludwig Erhard gründete die Stiftung 1967. Sie sollte die Idee der sozialen Marktwirtschaft unter anderem durch Veranstaltungen verbreiten und stützen.

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