In- und Ausland

Krisenhilfe für Kindermedizin und gegen Arznei-Engpässe

Donnerstag, 15. Dezember 2022 - 17:09 Uhr

von Sascha Meyer, dpa

© Christian Charisius/dpa

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat weitere schnelle Unterstützung wegen der akuten Engpässe in der Kindermedizin zugesichert. „Wir werden es nicht zulassen, dass die Kinder, die in der Pandemie so viel aufgegeben haben, jetzt nicht die Versorgung bekommen, die sie brauchen“, sagte der SPD-Politiker in Berlin. Geplant sind Regelungen, um mehr Pflegekräfte in Kliniken zu finanzieren und Mehrarbeit überlasteter Praxen besser zu honorieren.

Lauterbach schloss nicht aus, dass in einem nächsten Schritt notfalls planbare Eingriffe für Erwachsene verschoben werden könnten. Kommen sollen auch Maßnahmen gegen Lieferengpässe bei manchen Medikamenten.

Weitere Unterstützung für überlastete Kindermedizin

Geplant ist zunächst weitere Unterstützung für Kinderarztpraxen und Kinderstationen, die wegen einer Welle an Atemwegsinfekten gerade vielerorts überfüllt sind. So sollen in Kinderkliniken Honorarkräfte in der Pflege angeworben werden können und dann zu hundert Prozent abrechenbar sein, wie es aus dem Ministerium hieß. Für Ärzte und Ärztinnen in Kinderpraxen sollen Mehrleistungen nach festen Preisen komplett honoriert werden - ohne Abschläge wegen Budgets mit Obergrenzen. Um die Kinderheilkunde für Ärzte attraktiver zu machen, soll sie auch dauerhaft von Vergütungsbudgets ausgenommen werden.

Falls bisherige Hilfen nicht reichen sollten, wären weitergehende Schritte denkbar, wie Lauterbach deutlich machte. „Dann werden wir auch Maßnahmen ergreifen, wo wir planbare Eingriffe für Erwachsene aussetzen, so dass wir den Kindern die Versorgung geben können, die sie benötigen.“ Die Kinderversorgung werde sichergestellt, „was immer dafür notwendig ist“. Bisherige Maßnahmen hätten auch schon gewirkt, hieß es aus dem Ministerium - zum Beispiel das Aussetzen von Mindest-Personalvorgaben, um Pflegekräfte für bestimmte Standardaufgaben in Kinderstationen umzusteuern.

Wegen der angespannten Lage können Eltern ab sofort auch bestimmte Vorsorgeuntersuchungen für ihre Kinder vorübergehend verschieben. Die Untersuchungen U6 bis U9 für Kinder bis sechs Jahren können vorerst auch nach den vorgesehenen Zeiten und Toleranzzeiten wahrgenommen werden, wie der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken mitteilte. Dies sieht eine bis 31. März 2023 geltende Ausnahmeregelung vor. Verschobene Untersuchungen können demnach bis 30. Juni 2023 nachgeholt werden. Die Untersuchungen U1 bis U5 für Babys müssen aber in den vorgesehenen Zeiten wahrgenommen werden.

Lieferprobleme bei Medikamenten

Auch Lieferprobleme bei Medikamenten betreffen gerade unter anderem Kinder. Um gegenzusteuern, will Lauterbach in der kommenden Woche einen Gesetzentwurf vorstellen. Aktuell gebe es Lieferengpässe auch bei Krebsmedikamenten und Antibiotika, erläuterte er. „Wir sind auch in diesem Bereich mit der Ökonomisierung zu weit gegangen.“ Der Preis habe die alleinige Rolle gespielt, die Verfügbarkeit von Arzneimitteln eine zu geringe Rolle. „Das wollen wir aufheben.“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte stärkeres staatliches Eingreifen. „Wir brauchen jetzt eine von der Politik angeschobene Beschaffungsaktion, um wie zu Beginn der Corona-Pandemie in einer Notlage schnell an Fiebersaft, bestimmte Antibiotika und andere selten gewordene Präparate für kleine Kinder zu kommen“, sagte Präsident Thomas Fischbach der „Rheinischen Post“. „Wir erleben eine sehr hohe Nachfrage nach fiebersenkenden Medikamenten wie Ibuprofen oder Paracetamol, weil derzeit extrem viele Kinder erkrankt sind“, erläuterte Fischbach.

Die oppositionelle Union forderte noch vor Jahresende einen „Beschaffungsgipfel von Bund und Ländern“, der Sofortmaßnahmen für diesen Winter koordinieren solle, wie Gesundheitsexperte Tino Sorge (CDU) dem Portal „t-online“ sagte.

Aus dem Gesundheitsministerium hieß es, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) arbeite seit Wochen daran, die Lage zu kontrollieren - und darüber zu informieren, welche nicht lieferbaren Präparate durch andere ersetzt werden könnten. Nicht alle Lieferengpässe bedeuteten Versorgungsengpässe. Etwa bei Paracetamol für Kinder gebe es gerade Probleme wegen Streiks in Frankreich, das habe nichts mit Produktion in Asien zu tun. Für Apotheken bedeuten Engpässe mehr Aufwand, Alternativen zu finden oder herzustellen.

Viele Ausfälle bei Ärzten und Pflegekräften

Auch viele Krankheitsausfälle bei Ärzten und Pflegekräften bereiten Kliniken bundesweit Probleme. So berichteten Krankenhäuser in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bremen von einer angespannten Personallage. Die Berliner Charité hatte bekannt gegeben, dass alle verschiebbaren Operationen bis Jahresende abgesagt würden. Etwa aus Bremen hieß es: „Auch bei uns werden derzeit viele planbare Operationen abgesagt - allerdings nicht generell, sondern es wird im Einzelfall entschieden“, sagte die Sprecherin von Gesundheit Nord, einem Klinikverbund in Bremen, der Deutschen Presse-Agentur.


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