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In- und Ausland

Missbrauchsprozess - „Er konnte gut mit Kindern umgehen“

Prozesse

Mittwoch, 22. April 2020 - 15:36 Uhr

von Von Britta Schultejans, dpa

dpa München. Hundertfacher Missbrauch, jahrelang. In einem erschreckenden Prozess gegen einen Großvater hat nun die Mutter zweier seiner Opfer ausgesagt - seine Stieftochter. Der Fall hat inzwischen auch eine politische Dimension.

Das Gerichtsgebäude für das Amtsgericht, das Landgericht I und II in München, das Oberlandesgericht und die Staatsanwaltschaft in der Nymphenburger Straße. Foto: Sven Hoppe/dpa

Als der Richter sie fragt, wie sie reagiert habe, als ihr Stiefvater wegen sexuellen Missbrauchs an ihren Kindern verhaftet wurde, bricht die 46-Jährige in Tränen aus. Sie sei in ihr Zimmer gegangen und habe geweint, sagt sie - dann versagt ihr die Stimme.

Der Stiefvater der Frau ist am Landgericht München II wegen hundertfachen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Über Jahre soll er sich an ihren Kindern, seinen beiden Stiefenkeln, die mit ihm unter einem Dach lebten, vergangen haben - und auch an zwei Freunden von ihnen. „Ich kann das nicht begreifen, ich hab' ihm meine Kinder anvertraut“, sagt die 46-Jährige, die angibt, als Kind selbst missbraucht worden zu sein, als sie ihre Fassung wiederhat. „Er hat mir alles kaputt gemacht, er hat mir alles genommen.“

Von „Charade“ spricht der Angeklagte, als er für eine Verhandlungspause aus dem Sitzungssaal geführt wird. Später sagt er aber zu seiner Stieftochter: „Ich möchte mich bei dir entschuldigen - das ist alles.“

Die Mutter der mutmaßlichen Opfer beschreibt ihren Stiefvater als meist netten und hilfsbereiten Mann, der gern und gut kochte und sich engagiert um die Kinder kümmerte. „Er konnte gut mit Kindern umgehen.“ Ihre Tochter und er seien „ein Herz und eine Seele“ gewesen.

Sie selbst sei es gewesen, die den heute 56-Jährigen ihrer Mutter vorgestellt habe. „Ich hab' die zusammengebracht. Ich konnte ja nicht wissen, was passiert.“

Allerdings sei der Mann über die mehr als 20 Jahre, die sie mit ihm unter einem Dach lebte, auch aggressiv geworden und habe sie beschimpft und geschlagen - meist, wenn er unterzuckert war. Danach habe er sich manchmal nicht daran erinnern können. Die Erinnerungslücken des schwer zuckerkranken Mannes seien mit der Zeit immer schlimmer geworden.

Solche Erinnerungslücken sind es, auf die der Angeklagte sich immer wieder bezieht, wenn es um die heftigen Vorwürfe geht, die die Staatsanwaltschaft gegen ihn erhebt. Zwar hat er sie weitgehend eingeräumt, doch immer wieder relativiert er und immer wieder gibt er an, er könne sich nicht erinnern.

Auch am Mittwoch sagt er, nicht alles, was seine mutmaßlichen Opfer in ihrer nicht-öffentlichen Video-Aussage angegeben hätten, sei wahr. „Die Häufigkeit stimmt nicht.“ Zu den Vorwürfen, die seine Stiefenkelin gegen ihn erhoben habe, gab seine Anwältin eine Erklärung ab: „Für ihn war es ein Spiel, er hatte keine Hintergedanken, aber er hat es getan.“

Weh getan habe er den Kindern nie, betont der 56-Jährige immer wieder. „Es hat bei mir echt keiner geschrien.“ Dass einer der Jungen, an denen er sich vergriff, etwas anderes sagt, kommentiert er so: „Vielleicht schämt er sich genauso wie ich, dass so etwas passiert ist.“

Mit seiner ersten Aussage vor Gericht hatte der Angeklagte Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen einen ehemaligen Erzieher und einen Geistlichen ins Rollen gebracht. Er gab an, in seiner Jugend in dem früheren katholischen Jugenddorf Piusheim in der Gemeinde Baiern im oberbayerischen Landkreis Ebersberg selbst massiv sexuell missbraucht worden zu sein.

Inzwischen hat sich der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, in den Fall eingeschaltet und den Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx aufgefordert, die Vorwürfe von einer unabhängigen Kommission aufklären zu lassen. Bei der Opferorganisation „Eckiger Tisch“ haben sich nach Angaben ihres Sprechers Matthias Katsch inzwischen zehn weitere mutmaßliche Betroffene aus dem Piusheim und drei Zeugen gemeldet.

Nach seinen eigenen Angaben und denen seiner Stieftochter hat der Angeklagte mehrere Suizidversuche hinter sich. „Wir haben geredet über seine Heimzeit“, sagt die Stieftochter vor Gericht. Da seien „etliche Sachen abgegangen“ - „dass sich ein Junge in seinem Alter in seinem Zimmer erhängt hat“ und dass „auch Missbrauch vorgekommen“ sei. „Deshalb habe ich ja gemeint, er soll in Therapie“, sagt die 46-Jährige. „Ich habe gesagt: Lass dir helfen. Er hat gesagt, er schafft das alleine, aber offensichtlich hat er das nicht geschafft.“

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