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Nicht zum Verkauf, aber offen für Geschäfte

Wahlen

Dienstag, 6. April 2021 - 08:13 Uhr

von Von Steffen Trumpf, dpa

dpa Nuuk. Nein, Grönland ist nicht zu verkaufen. Die Menschen auf der größten Insel der Welt haben ohnehin genug mit sich selbst zu tun. Es geht um Fisch, Uran und Flughäfen. Jetzt wird vorzeitig gewählt.

Ein Plakat eines Kandidaten der Parlamentswahl hängt an einem Laternenmast im grönländischen Nuuk. Foto: Emil Helms/Ritzau Scanpix/dpa

Wenn Donald Trump ein großes Geschäft wittert, dann muss viel Geld und Einfluss im Spiel sein: Als der damalige US-Präsident im Sommer 2019 vorschlug, Grönland kaufen zu wollen, führte das zu viel Kopfschütteln im Königreich Dänemark, zu dem die größte Insel der Erde offiziell gehört.

Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen sprach von einer „absurden Diskussion“, und Trump sagte wegen dieser Aussage beleidigt eine Reise nach Kopenhagen ab. Trumps Präsidentschaft war um ein bizarres Kapitel reicher - und Grönland hatte es ausnahmsweise in den Fokus der Weltöffentlichkeit geschafft.

Dort findet man die kleine Nation mit ihrer riesigen Insel sonst eher selten. Selbst die zunehmend sichtbaren Auswirkungen der Klimakrise und das Ringen der Großmächte USA, Russland und China um Einfluss in der Arktis haben daran bislang nur begrenzt etwas geändert.

Nun wird in diesem abgeschiedenen Erdteil gewählt, und zwar gleich dreimal: Neben Kommunal- und Gemeindewahlen findet am Dienstag auch eine um ein Jahr vorgezogene Parlamentswahl statt. Die Wahllokale sind bis 20.00 Uhr Ortszeit geöffnet - in Deutschland ist es dann bereits Mitternacht. Ein Wahlergebnis dürfte am Mittwoch feststehen.

Grund für die Neuwahl ist der Zusammenbruch der Regierungskoalition. Der seit 2014 regierende Sozialdemokrat Kim Kielsen hatte im November 2020 den Vorsitz seiner Partei Siumut an seinen internen Widersacher Erik Jensen verloren, der ebenfalls Regierungschef werden will. Die Partei Demokraatit hatte im Februar im Zuge des Ärgers bei Siumut und Unstimmigkeiten über ein großes Minenprojekt die Koalition verlassen, Siumut fehlt seitdem eine Regierungsmehrheit. Die Folge: Neuwahlen.

Umfragen sagen der sozialistischen Partei Inuit Ataqatigiit (IA) einen klaren Sieg voraus - doch Vorsicht: Siumut schlägt sich bei der Wahl für gewöhnlich besser als in den Umfragen zuvor, wie Ulrik Pram Gad vom Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS) erklärt. Ob IA stärkste Kraft wird und sich somit als Erstes auf die Suche nach einer neuen Regierungskoalition machen darf, bleibt abzuwarten.

Die internationale Politik ist für die Grönländer trotz Trump weit weg, auch die wiederkehrende Frage nach einer Unabhängigkeit scheint diesmal keine so große Rolle zu spielen. Wichtiger sind die Themen Soziales, Gesundheit und Bildung, wie Sara Olsvig vom Institut für Sozialwissenschaften an der Universität von Grönland sagt. Hinzu komme die soziale Ungleichheit, die in Grönland viel stärker ausgeprägt sei als in der EU - das nordische Wohlfahrtsmodell reicht schließlich nicht in jede abgeschiedene Ortschaft auf der Insel.

Drei Themen werden laut Olsvig besonders wichtig sein, um nach der Wahl eine Koalition zu finden und der Nation in politischer Hinsicht dringend benötigte Stabilität zu geben: Fisch, die Frage des Abbaus von Uran und der kostspielige Bau und Ausbau dreier Flughäfen, die die größten Bauprojekte der grönländischen Geschichte darstellen.

Beim Dauerthema Fischfang - der macht schließlich 90 Prozent der grönländischen Exporte aus - geht es vor allem um die Nachhaltigkeit. „Es muss sichergestellt werden, dass es für künftige Generationen weiter Fisch gibt“, sagt Olsvig, die früher selbst Vorsitzende der IA gewesen ist, der aktiven Politik aber 2018 den Rücken zugekehrt hat.

Größter Zankapfel ist jedoch ein Minenprojekt in der Nähe des Ortes Narsaq in Südgrönland. Ein in Australien ansässiges Unternehmen plant seit langem, in dem Gebiet radioaktives Uran sowie Seltene Erden zu gewinnen, die in Elektrogeräten wie Laptops, Smartphones und Kameras gebraucht werden. Das kann zwar Arbeitsplätze und Einnahmen in Höhe von umgerechnet knapp 200 Millionen Euro pro Jahr bringen, aber auch negative Folgen für Natur, Umwelt und Gesundheit.

Das Parlament Inatsisartut in der Hauptstadt Nuuk hat 31 Sitze. 188 Kandidatinnen und Kandidaten von sieben Parteien sowie ein Parteiloser bewerben sich darauf. Ganz Grönland gilt dabei als ein Wahlkreis, es gibt keine Prozenthürde. Große Distanzen ohne Zug- und Autoverkehr machen die Wahl logistisch nicht einfach, dafür werden die Grönländer zumindest von Corona weitgehend verschont: Bislang gab es nur 31 Infektionen und keine Corona-Todesfälle auf der Insel. Aktive Fälle gibt es derzeit nicht.

Zu vier Fünfteln mit Inlandseis bedeckt, ist Grönland von der Fläche her sechsmal so groß wie Deutschland, hat aber nur 56.000 Einwohner - die würden allesamt in ein einziges großes Fußballstadion passen. Die Insel ist weitgehend autonom vom dänischen Königreich, wird aus Kopenhagen jährlich aber mit mehr als 500 Millionen Euro unterstützt.

Und das mit Trump? War offenbar ernstgemeint. Denn hinter seinem Kaufangebot stand nicht die Aussicht auf ein Luxushotel mitten im Eis, sondern auf die erwähnten wertvollen Rohstoffe Grönlands und die Schifffahrtsrouten, die wegen des Klimawandels in der Arktis immer passierbarer werden. „Ich habe gedacht, das kann doch nicht wahr sein“, sagte Kielsen dazu jüngst in einem Beitrag des dänischen Rundfunks. „Hätte er gesagt, dass er Dänemark kaufen will, dann wären viele sicher ebenfalls beleidigt gewesen.“ Grönland, unterstrich der Regierungschef, sei kein Gegenstand, den man einfach so kaufen könne.

© dpa-infocom, dpa:210406-99-96217/2

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