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In- und Ausland

Polizistin weint im Prozess um Dreifach-Mord

Kriminalität

Freitag, 16. März 2018 - 17:11 Uhr

von Von Lena Müssigmann und Lennart Stock, dpa

dpa Rottweil. Ein Junge stirbt am Tag seiner Einschulung - erschossen vermutlich vom eigenen Vater. Auch der neue Partner der Mutter und dessen Cousine kommen im Kugelhagel um. Polizisten eilen zum Tatort. Noch Monate später sind sie schockiert.

Gespräch mit einem Vermummten: Rechtsanwalt Bernhard Mussgnug spricht mit dem Angeklagten im Prozess um den Dreifachmord von Villingendorf. Foto: Marijan Murat

Ein Familienstreit, Schüsse fallen - so viel hatten die drei Streifenpolizisten schon über Funk erfahren, als sie am 14. September 2017 mit Blaulicht in eine Wohnsiedlung in Villingendorf (Baden-Württemberg) rasen.

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Mit Maschinengewehren und Amokausrüstung rennen sie in den Garten an der gemeldeten Adresse - dort bietet sich ihnen ein Bild des Schreckens.

Im Schein des Lichtes, das aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse fällt, liegt ein Mann verkrümmt und für die Polizisten offensichtlich tot am Boden, eine Frau sitzt schwer verletzt auf einer Treppe. Patronenhülsen liegen auf den Steinplatten. Wo ist der Schütze? Das ist für die Polizisten die wichtigste Frage. Sie gehen mit Waffen im Anschlag durch die offene Eingangstür in die Wohnung. Nach wenigen Metern entdecken sie das dritte Todesopfer: ein sechs Jahre altes Kind, niedergestreckt mit drei Schüssen.

Eine 33-jährige Polizistin weinte am Freitag nach der Schilderung des Einsatzes beim Prozess gegen den mutmaßlichen Dreifachmörder am Landgericht Rottweil. „Wer ein schutzloses Kind erschießt, hat keine Skrupel“, sagte sie. Sie habe vor Betreten des Tatortes nie mit diesem Ausmaß gerechnet. Hinzu kam die Angst, der Täter könnte noch da sein und auch auf die Polizisten schießen.

Der wegen Mordes angeklagte 41-Jährige sitzt bei der Schilderung der Polizistin zurückgelehnt in seinem Stuhl und stützt den Kopf auf die Hand. Er zeigt keine emotionale Regung.

Er soll die kaltblütige Tat am Abend nach der Einschulung seines Sohnes begangen haben - nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft, um seine Ex-Partnerin (31) zu bestrafen, indem er ihr ihre Liebsten nimmt. Der getötete Mann (34) war der neue Partner der Frau. Die Verletzte war dessen 29-jährige Cousine. Sie starb noch am Abend im Krankenhaus. Auf seine frühere Lebensgefährtin schoss der mutmaßliche Täter nicht, sie konnte zu Nachbarn flüchten.

Er soll die Frau schon öfter bedroht und ihre Trennung von ihm im Februar 2017 nicht akzeptiert haben. Ein Kontaktaufnahme- und Annäherungsverbot hatte ihn nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft so wütend gemacht, dass er sich - vermutlich in Kroatien - ein Gewehr besorgte und die Tat plante. Nach den tödlichen Schüssen war er geflüchtet und konnte erst fünf Tage später rund zwölf Kilometer vom Tatort entfernt festgenommen werden, die Tatwaffe hatte er bei sich.

„Ich mache im Moment keine Angaben“, sagte der Angeklagte, der mit einer Jacke über dem Kopf in den Verhandlungssaal gekommen war. Die Anwälte der Nebenklage hoffen, dass sich diese Haltung im Lauf des Prozesses noch ändert. Ein Anwalt, der die drei Kinder des getöteten Mannes vertritt, sagte: „Sie wollen wissen, warum ausgerechnet ihr Vater hier erschossen wurde, und das auf ziemlich drastische Art.“

Ein weiterer Anwalt, der die Geschwister des getöteten Mannes vertritt, berichtet, dass die Tat die gesamte Familie belaste. „Wir gehen davon aus, dass die Tat langfristig geplant war und hoffen hier auf eine maximale Sachverhaltsaufklärung.“ 

Die Mutter des getöteten Kindes gehört auch zu den insgesamt neun Nebenklägern, war zum Prozessauftakt aber nicht am Gericht. Allein die Schwester des getöteten Mannes verfolgte die Verhandlung. Ab und an wischte sie sich Tränen aus dem Gesicht.

In der dramatischen Stimmung am Tatort am 14. September gab es aber auch einen Moment der Erleichterung für die Polizisten, wie sie berichteten. Mit Hilfe der geflüchteten 31-Jährigen hatten sie rekonstruiert, dass von der dreijährigen Tochter der schwerverletzten 29-Jährigen noch jede Spur fehlte. Sie fanden die Kleine erst bei der zweiten Durchsuchung der Wohnung, so gut hatte sie sich in einem Badezimmer versteckt. Sie war unverletzt.

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