Radikalumbau in schwierigen Zeiten: Deutsche Bank im Umbruch

Von Von Jörn Bender, dpa, und Steffen Weyer, dpa-AFX

dpa Frankfurt/Main. Nach einer Serie von Verlustjahren will die Deutsche Bank endlich wieder schwarze Zahlen schreiben. Trotz eines tiefgreifenden Konzernumbaus wird daraus 2020 aber wohl nichts. Der Vorstand sieht sich dennoch auf dem richtigen Weg.

Radikalumbau in schwierigen Zeiten: Deutsche Bank im Umbruch

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main spiegelt sich in einer Glasfassade. Foto: Boris Roessler/dpa

Wenig bescheiden spricht Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing von einer „historischen Transformation“.

Rechtzeitig zum 150. Jubiläum in diesem Jahr schrumpft der jüngste Vorstandschef in der Geschichte der Bank den globalen Anspruch des größten deutschen Geldhauses - und will die Deutsche Bank zurück zu ihren Wurzeln führen. Sewings einfache Botschaft, als er am 7. Juli 2019 seinen radikalen Umbauplan präsentiert: „Die Bank fokussiert sich jetzt auf das, was sie wirklich gut kann.“ Ergo: Das Geschäft mit Mittelständlern, Familienunternehmen und multinationalen Konzernen.

Der Weg dorthin freilich ist lang und steinig. Und dann bremste auch noch die Corona-Pandemie die Euphorie in den Frankfurter Zwillingstürmen. Die Hoffnung, dass der Dax-Konzern nach fünf Verlustjahren in Folge 2020 endlich aus der Krise kommen könnte, ist dahin. Analysten rechnen für das Gesamtjahr erneut mit einem Milliardenminus.

Der Vorstand sieht sich gleichwohl in seinem Kurs bestätigt. „Bislang sind wir im Zeitplan oder sogar besser. Die Ziele für 2022 stehen“, betonte Fabrizio Campelli, der im Vorstand für die Umsetzung der neuen Strategie verantwortlich ist, Anfang Juli im „Handelsblatt“-Interview. „Wir sind zum Beispiel sehr zuversichtlich, dass wir die bereinigten Kosten bis Ende dieses Jahres um zwei Milliarden Euro auf 19,5 Milliarden Euro verringern werden.“

Sicher mache die Pandemie die Umsetzung der Strategie komplexer, räumte Campelli ein - aber die Strategie funktioniere. „Das haben die vergangenen Monate gezeigt.“ Binnen kürzester Zeit wurden der komplette Aktienhandel des Hauses geschreddert, das riskante Investmentbanking gestutzt und die Eingliederung der Postbank vorangetrieben. „Und gleichzeitig konnten wir unsere Erträge in der Kernbank im ersten Quartal um sieben Prozent steigern - trotz Corona“, betonte Campelli.

Ausbremsen lassen will sich das Management beim Konzernumbau nicht von der Corona-Krise. „Wir müssen als Deutsche Bank profitabler sein als heute, wenn wir in einer europäischen Konsolidierung eine Rolle spielen wollen“, sagte Sewing bei der Online-Hauptversammlung im Mai. Er sei überzeugt, dass der 2019 eingeleitete Umbau „der beste Weg ist, die Deutsche Bank im internationalen Wettbewerb nachhaltig profitabel aufzustellen“.

Unverändert hält der Vorstand an seinem Ziel fest, bis Ende 2022 die Zahl der Vollzeitstellen weltweit um etwa 18 000 auf 74 000 zu drücken. Größere Einschnitte im Filialnetz stehen im Gegensatz zur kleineren Commerzbank bisher nicht auf dem Zettel. Die Deutsche Bank kommt unter eigener Marke bundesweit auf gut 500 Filialen, die Postbank hat etwa 800. Wie andere Banken auch, hat der Konzern während der Corona-Pandemie etliche Standorte vorübergehend geschlossen - und so manche andere Bank hat sich entschieden, einzelne Geschäftsstellen erst gar nicht wieder aufzumachen.

Dass Sewing nach jahrelangen Verlusten, milliardenschweren Strafen wegen Rechtsverstößen der Bank und bestenfalls zaghaften Reformen früherer Vorstandschefs Entschlossenheit demonstriert, kommt am Markt gut an. Zugutegehalten wird dem Deutsche-Bank-Chef auch, dass er schon kurz nach der im Frühjahr 2019 geplatzten Fusion mit der Commerzbank einen radikalen Umbauplan für sein Institut präsentierte - während die Commerzbank bis Herbst brauchte, um eher bescheidene Schritte vorzulegen und nun mitten in der Diskussion über eine Verschärfung des Sparkurses in eine Führungskrise geschlittert ist.

Die Deutsche-Bank-Aktie schlug sich im laufenden Jahr trotz der Corona-Krise vergleichsweise gut. Zwar stürzte der Kurs vom Jahreshoch bei 10,37 Euro Mitte Februar bis Mitte März um mehr als die Hälfte auf knapp 4,45 Euro ab. Seitdem erholte sich der Aktienkurs aber wieder auf zuletzt fast 9 Euro.

Langfristig jedoch gehört das Deutsche-Bank-Papier weiterhin zu den größten Verlierern seit der Finanzkrise Ende des vergangenen Jahrzehnts - sowohl unter Banktiteln als auch unter allen Standardwerten. Seit dem unter anderem um die Effekte von Kapitalerhöhungen bereinigten Rekordhoch von etwas mehr als 90 Euro im Frühjahr 2007 ging es um rund 90 Prozent nach unten. Mehr hat in diesem Zeitraum kaum eine Aktie einer anderen Großbank verloren.

Trotz einiger Kapitalerhöhungen, um das Kapitalpolster zu verbessern, ist die Deutsche Bank an der Börse derzeit nur noch gut 18 Milliarden Euro wert. Damit liegt sie nur noch im unteren Mittelfeld der Dax-Konzerne. 2007 gehörte die Bank mit einem Börsenwert von mehr als 60 Milliarden Euro noch zu den wertvollsten unter den 30 Konzernen in der ersten deutschen Börsenliga.

DZ-Bank-Analyst Markus Mischker bewertete die bisher erreichten Schritte beim Konzernumbau der Deutschen Bank Ende Juni zwar positiv. Allerdings bleibe das Institut eine Bank im Restrukturierungsmodus - und Rückschläge seien bei einem ungünstigeren Verlauf der Corona-Krise nicht auszuschließen.

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