Mit der Nutzung unserer Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen. Verstanden
In- und Ausland

Stuttgarter Polizei will Familienhintergrund beleuchten

Kriminalität

Sonntag, 12. Juli 2020 - 16:32 Uhr

von Deutsche Presseagentur dpa

dpa Stuttgart. Bei ihren Ermittlungen zur Stuttgarter Krawallnacht will die Polizei auch das Umfeld der Verdächtigen und deren familiären Hintergrund beleuchten.

Menschen stehen in der Krawallnacht vor einem geplünderten Geschäft in der Stuttgarter Innenstadt. Foto: Julian Rettig/dpa

Die Ausschreitungen in der Nacht zum 21. Juni hätten ein bisher ungekanntes Aggressions- und Gewaltpotenzial offenbart, sagte ein Polizeisprecher. Da gehöre es selbstverständlich zur Aufarbeitung dazu herauszufinden, mit wem man es zu tun habe, und das Umfeld der Verdächtigen und in unklaren Fällen auch einen möglichen Migrationshintergrund zu ermitteln.

Einen Bericht von „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“, die Polizei wolle Stammbaumforschung betreiben, wies der Sprecher zurück. „Aber wir betreiben natürlich keine Ahnen- oder Stammbaumforschung“, sagte er. Ein Sprecher der Stadt schrieb bei Twitter, der Begriff gehöre nicht zum Wortschatz der Stadt beziehungsweise der Polizei. Weder er noch weitere Zuhörer einer Gemeinderatssitzung könnten sich daran erinnern. Man werde nun das Protokoll der fraglichen Sitzung auswerten.

In dem Bericht hatte es geheißen, Polizeipräsident Franz Lutz habe im Gemeinderat angekündigt, dass die Polizei auch bei Verdächtigen mit deutschem Pass mit Hilfe der Landratsämter Stammbaumrecherche betreiben werde. Das hatte breite Kritik ausgelöst.

„Das verstört mich nachhaltig“, twitterte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. „Polizeiliche Stammbaumforschung ist die unsägliche Konsequenz aus der rechtsextremen Debattenverschiebung darüber, es sei relevant, ob Menschen, die Straftaten begehen, deutsch sind oder nicht / Migrationswurzeln haben oder nicht“, twitterte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz. „Mir fehlen immer noch die Worte“, sagte der Grünen-Politiker Cem Özdemir den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Der Polizeipräsident solle seinen „skurrilen Vorschlag“ sofort aus der Welt schaffen.

In Stuttgart war es in der Nacht zum 21. Juni zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Randalierer hatten damals Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert. Nach Angaben der Polizei waren 400 bis 500 Menschen an den Randalen beteiligt oder hatten dabei zugeschaut. 32 Polizisten wurden verletzt. Inzwischen seien 40 Verdächtige ermittelt. 14 säßen in Untersuchungshaft, sechs weitere Haftbefehle seien außer Vollzug gesetzt worden, hieß es.

Das baden-württembergische Innenministerium bezeichnete die Abfrage von Daten zur Nationalität der Eltern von Verdächtigen als Selbstverständlichkeit in einem Strafverfahren. Die Stuttgarter Polizei ermittle darin auch zu den Lebens- und Familienverhältnissen der Verdächtigen. „Deshalb wird in einzelnen Fällen die Nationalität der Eltern von Tatverdächtigen durch Anfragen beim Standesamt erhoben, um zu klären, ob ein Migrationshintergrund gegeben ist“, betonte Innenminister Thomas Strobl (CDU).

Dieser liege vor, wenn es sich bei einem Elternteil um eine Nichtdeutsche oder einen Nichtdeutschen handele. „Der Begriff "Stammbaumforschung" ist da fehl am Platze“, sagte Strobl. „Unsere Polizei arbeitet professionell und korrekt.“

Die Ausschreitungen in Stuttgart hätten ein bislang unbekanntes Gewalt- und Eskalationspotential der Beteiligten erkennen lassen. Daran richteten sind auch die Maßnahmen zur justiziellen und polizeilichen Aufarbeitung aus. „Und deswegen werden alle Umstände in die Bewertung einbezogen, die für die Sanktionierung, aber auch die Prävention, von Bedeutung sind“, sagte Strobl.

© dpa-infocom, dpa:200712-99-763742/2

Stuttgarts Polizeipräsident Frank Lutz. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Innenminister Thomas Strobl: „Unsere Polizei arbeitet professionell und korrekt.“. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

21. Juni: Die beschädigten Scheibe eines Einzelhandelsgeschäfts in Stuttgart. Foto: Marijan Murat/dpa

Ihr Kommentar zum Thema

Stuttgarter Polizei will Familienhintergrund beleuchten

Verbleibende Zeichen:

Regeln fürs Kommentieren

Bitte bleiben Sie fair und sachlich. Schreiben Sie keine Kommentare, die Beleidigungen, Verleumdungen oder falsche Tatsachenbehauptungen enthalten. Beiträge, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht (siehe Netiquette).

Bitte beachten Sie, dass Ihr Kommentar unter Ihrem echten Namen veröffentlicht wird!


captcha