USA-Taliban-Abkommen erwartet: Anfang vom Ende des Krieges?

Von Von Veronika Eschbacher und Lena Klimkeit, dpa

dpa Kabul/Washington. Der US-Truppen-Kommandeur schießt Selfies mit Afghanen, Kämpfer der Taliban organisieren Sportwettkämpfe. In den vergangenen Tagen haben sich ungewohnte Bilder in dem Krisenland abgespielt, die Hoffnung schüren.

USA-Taliban-Abkommen erwartet: Anfang vom Ende des Krieges?

Beinprotesen von kriegsversehrten Kindern: Auch im vergangenen Jahr sind mehr als 10.000 Zivilisten in Afghanistan Opfer der andauernden Konflikte und Anschläge geworden. Foto: Saifurahman Safi/Xinhua/dpa

Ein Abkommen der USA mit den militant-islamistischen Taliban scheint in greifbarer Nähe: Die Woche der „Gewaltreduzierung“ in dem kriegszerrissenen Land ist örtlichen Angaben zufolge bislang weitgehend ruhig verlaufen.

Die USA hatten nach mehr als eineinhalb Jahren Verhandlungen die Verringerung der Gewalt zur Vorbedingung für das Abkommen gemacht, das einen schrittweisen Abzug der US-Truppen herbeiführen und innerafghanische Friedensverhandlungen einleiten soll. Für diesen Samstag wird mit der Unterzeichnung gerechnet.

In der Deeskalationsphase spielten sich ungewohnte Bilder in dem Krisenland ab: Im nördlichen Kundus organisierten Taliban-Kämpfer Wrestling-Wettkämpfe und Buskaschi-Wettbewerbe - ein beliebtes Reiterspiel mit einem kopflosen Kalb als Trophäe.

In der Hauptstadt Kabul lief der Kommandeur der US-Truppen, General Austin Scott Miller, zu Fuß durch die belebte Chicken Street. Mit einer Pistole bewaffnet, aber ohne Helm und Schutzweste, erlaubte er Bewohnern Kabuls, Selfies mit ihm zu schießen. Aus anderen Städten kamen Videos freudig auf der Straße tanzender Menschen.

In der zuletzt unruhigen Provinz Balch habe es in den vergangenen sechs Tagen lediglich zwei Angriffe auf Sicherheitskräfte gegeben, sagte ein Provinzrat am Freitag. Davor seien es mehrere täglich gewesen. Aus Nangarhar im Osten hieß es von einem Provinzrat, es habe kein einziger Angriff stattgefunden. In den Monaten davor seien dort jede Woche 20 Sicherheitskräfte ums Leben gekommen.

Das Innenministerium machte die Taliban am Freitag für drei Angriffe in drei der 34 Provinzen verantwortlich, bei denen ein Polizist getötet worden sei und es drei Verletzte gegeben habe. Einen Überblick über die gesamte Woche wolle man am Samstag geben, hieß es.

Die USA äußerten sich am Freitag zunächst nicht dazu, ob sich die Woche reduzierter Gewalt erfüllt habe und am Samstag im Golfemirat Katar vor Vertretern aus mehr als 20 Ländern, darunter mehreren Außenministern, das mehr als eineinhalb Jahre verhandelte Abkommen unterzeichnen würde. Die Vorbereitungen der Gastgeber laufen auf Hochtouren. Erste Gäste wie der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi seien bereits in Doha eingetroffen, berichteten afghanische Medien am Freitag.

Vertreter der US-Regierung hatten sich wie die Taliban in den vergangenen Wochen zunehmend zuversichtlich gezeigt, dass es zu der Unterzeichnung kommen wird. Die Taliban kommen damit ihrem Langzeitziel ein bedeutendes Stück näher: dem Ende der „ausländischen Besatzung“, wie sie es nennen - also dem Abzug der US-amerikanischen und internationalen - auch deutschen - Truppen. Die Taliban waren 2001 von einer US-geführten Militärkoalition von der Macht vertrieben worden, nachdem sie den Terrorpaten Osama bin Laden beherbergt hatten.

Das USA-Taliban-Abkommen soll einen Abzug der US-Truppen aus dem Land einleiten. Im Gegenzug sollen die Taliban Garantien geben, dass das Land kein sicherer Hafen mehr für Terroristen wird und sie Friedensgespräche mit der Regierung in Kabul aufnehmen.

Genaue Details der Einigung sind noch nicht bekannt, aber schmerzliche Zugeständnisse mussten die Islamisten in den Verhandlungen mit den USA kaum machen. In den vergangenen Jahren waren die Taliban militärisch zunehmend aggressiv aufgetreten und hatten sich eine starke Verhandlungsposition aufgebaut.

Immer mehr Gebiete überrannten sie. Eine Zeit lang töteten Taliban-Kämpfer durchschnittlich 35 Sicherheitskräfte am Tag. Auch Provinzhauptstädte überfielen die Islamisten immer wieder - konnten sie allerdings nicht lange halten.

US-Präsident Donald Trump behauptet zwar, die USA seien in der Lage, den Krieg zu gewinnen. Er wolle aber nicht „Millionen“ unschuldiger Menschen töten. Der Krieg in Afghanistan ist der längste in der Geschichte der USA. Trump verspricht seit langem, die „endlosen Kriege“ zum Abschluss zu bringen. Er wird nicht müde zu betonen, wie viele Tausende Kilometer weit weg die US-Soldaten im Einsatz sind und dass er sie nach Hause bringen will.

Aus Trumps Sicht wäre das Abkommen mit den Taliban - noch dazu im Wahljahr - eine Errungenschaft, bei dem er sich auch der Zustimmung seiner Gegner sicher zeigt. „Jeder ist glücklich darüber“, sagte er noch am Dienstag. Zudem brüstet der Republikaner sich damit, dass es niemandem zuvor gelungen sei, im Afghanistankrieg ein Abkommen zu erzielen.

Bei den Verhandlungen war die Regierung in Kabul lediglich Zaungast. Die Taliban beharrten darauf, frühestens mit Kabul zu sprechen, wenn der Abzug der internationalen Truppen geregelt ist. Der wiedergewählte Präsident Aschraf Ghani hatte sich unzählige Male erfolglos dazu aufgerufen, sich auf Friedensgespräche einzulassen. Mit der Unterzeichnung des USA-Taliban-Abkommens sollen diese nun stattfinden. Kolportiert wird, dass die innerafghanischen Gespräche binnen zwei Wochen beginnen sollen.

Der Zeitpunkt kommt für die politische Elite in Kabul höchst ungelegen. Vor zwei Wochen erklärte die Wahlkommission Ghani zum Wahlsieger der Präsidentschaftswahl. Sein wichtigster Herausforderer, Abdullah Abdullah, erkennt das Ergebnis jedoch nicht an und erklärte sich selbst zum Sieger. Für diese Woche hatten beide Politiker separate Amtseinführungszeremonien geplant - bis Ghani, offenbar auf US-Druck, seine Einführung auf Mitte März verschob.

Vor diesem Hintergrund betrachten Beobachter es als große Herausforderung, ein von allen Seiten gefordertes inklusives Verhandlungsteam zu bilden, das schlagkräftig ist und geeint auftritt. Dabei würde es bei den innerafghanischen Gesprächen um die entscheidende Frage gehen: Wie soll ein zukünftiges Afghanistan mit Taliban-Beteiligung aussehen? Viele bezweifeln, dass sich die Taliban in das bestehende demokratische System, das sie so lange abgelehnt haben, integrieren. Die Taliban sprechen von einem „islamischen System“, das sie aufbauen möchten.

Völlig unklar ist gleichzeitig, wie es nach den sieben Tagen Gewaltreduzierung weitergehen soll. Es herrscht Skepsis, dass das Land wirklich zur Ruhe kommt. Viele Afghanen drücken aber auch die Hoffnung aus, dass die Gewaltverringerung zu einem dauerhaften Waffenstillstand und in der Folge zu Frieden führt.