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In- und Ausland

Vom Mord bis zur Anklage - die Ermittlungen im Fall Lübcke

Kriminalität

Donnerstag, 11. Juni 2020 - 08:51 Uhr

von Von Göran Gehlen, dpa

dpa Frankfurt/Kassel. Vor einem Jahr wurde Kassels Regierungspräsident erschossen. Was in jener Tatnacht geschah, haben Ermittler in monatelanger Arbeit rekonstruiert. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder könnte weitere Details ans Licht bringen.

Das Konterfei von Walter Lübcke (CDU) hinter einem Bundeswehrsoldaten am Sarg bei einem Trauergottesdienst in der Martinskirche. Foto: Swen Pförtner/dpa

Ein Politiker wird kurz vor seinem Ruhestand erschossen: Ein Motiv ist nicht erkennbar, Verdächtige fehlen. Mit dieser Ausgangslage begann vor einem Jahr die Ermittlung in einem der größten Kriminalfälle Deutschlands.

Dennoch gelang der Polizei ein schneller Erfolg. 14 Tage vergingen bis zur Festnahme von Stephan E., einem 46-jährigen Familienvater. Er soll Kassels Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019 erschossen haben. Ab kommenden Dienstag (16. Juni) stehen E. und ein mutmaßlicher Unterstützer vor dem Oberlandesgericht Frankfurt.

Als eine Spezialeinheit das Haus von E. in Kassel stürmt und den Deutschen festnimmt, liegt die Hauptarbeit noch vor den Ermittlern. Warum tötet ein Familienvater einen Politiker? Handelte er allein? Antworten fehlen zunächst. Nur eine DNA-Probe am Opfer hatte die Verbindung zu E. ergeben - der 46-Jährige war wegen früherer rechtsextremistischer Straftaten in der Datenbank.

E. war Polizei und Verfassungsschutz gut bekannt - zumindest zeitweise. Unter anderem legte er 1989 ein Feuer im Keller eines Mehrfamilienhauses mit türkischen Bewohnern im Rheingau-Taunus-Kreis. 1992 stach er am Wiesbadener Hauptbahnhof auf einen ausländischen Mitbürger ein. 1993 verübte er einen Anschlag mit einer Rohrbombe auf ein hessisches Asylbewerberheim. 1994 schlug er in der U-Haft mit einem Stuhlbein auf einen ausländischen Mitgefangenen ein. 2009 war Stephan E. in Dortmund an einem Angriff von Rechtsextremisten auf eine 1.-Mai-Kundgebung des DGB beteiligt. Danach verloren die Behörden E. aus dem Fokus - er galt als „abgekühlter“ Rechtsextremist, der nun ein bürgerliches Leben führte.

Nach der Festnahme übernahm die Bundesanwaltschaft den Fall. Denn auch der Mord an Lübcke sei ein politisches Attentat mit rechtsextremistischem Hintergrund, glaubten die Ermittler. E. gesteht die Tat. Auf dem Gelände seines Arbeitgebers in Kassel findet die Polizei ein Waffenlager und die Tatwaffe. Zudem führt seine Aussage zu weiteren Festnahmen: Ein aus Nordrhein-Westfalen stammender Mann soll E. 2016 die spätere Tatwaffe verkauft haben. Den Kontakt zwischen den beiden stellte der aus Kassel stammende Markus H. her, ein Freund von E. und bekannt in der rechten Szene.

Auch ein Motiv wird erkennbar. So sollen der Hauptverdächtige und Lübcke 2015 aufeinander getroffen sein: Bei einer Bürgerversammlung verteidigte der Regierungspräsident die Aufnahme von Flüchtlingen. Auf Schmährufe aus dem Publikum rief er: „Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist, das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“ Dieser Satz verbreitete sich im Internet und machte Lübcke zur Hassfigur von Rechten.

Zur Tatnacht gibt es unterschiedliche Versionen. Die der Ermittler kann man in der Anklage nachlesen: Demnach fährt Stephan E. am Abend des 1. Juni nach Wolfhagen-Istha, einem 900-Einwohner-Dorf bei Kassel. Der Familienvater will den CDU-Politiker töten. Den Tag hat er bewusst gewählt, weil im Ort eine Kirmes stattfindet.

Kurz vor Mitternacht nähert sich E. dem Wohnhaus, das am Ortsrand steht. Lübcke sitzt rauchend auf der Terrasse. E. schleicht sich heran. Aus kurzer Entfernung schießt er Lübcke mit einem Revolver in den Kopf. Seine Familie findet den Politiker später auf der Terrasse, in der gleichen Nacht wird sein Tod festgestellt.

Diese Version stützt sich auf das Geständnis von Stephan E. nach seiner Festnahme. Doch dies widerrief der Angeklagte mittlerweile. Im Januar ließ er über seinen Anwalt eine andere Version verbreiten: Demnach fährt E. in Begleitung von Markus H. nach Istha. Ziel ist, Lübcke „eine Abreibung zu verpassen“ - wegen seiner Ansichten zu Flüchtlingen.

Auf der Terrasse des Politikers kommt es zur Konfrontation. H. richtet eine Waffe auf Lübcke, dann löst sich ein Schuss. Nach seiner Festnahme legt E. ein falsches Geständnis ab - angeblich werden ihm Schutz und finanzielle Vorteile für seine Familie versprochen - von wem, sagt E. nicht.

Die Ermittler schenken dieser zweiten Version keinen Glauben. Der 46-Jährige muss sich wegen Mordes, versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffengesetz verantworten. Denn auch eine Messerattacke auf einen irakischen Asylbewerber Anfang 2016 wird ihm zugeschrieben.

Markus H. war laut Ermittler nicht in die Anschlagspläne eingeweiht. Er soll aber für möglich gehalten haben, dass E. einen politischen Entscheidungsträger töten würde. Ihm wird Beihilfe zum Mord und ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Waffenhändler wurde abgetrennt, der Haftbefehl aufgehoben. Gegen ihn bestehe kein hinreichender Tatverdacht für Beihilfe zum Mord. Das Verfahren gegen den 64-Jährigen sei aber weiter bei der Bundesanwaltschaft anhängig, sagte ein Sprecher.

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