A43-Brücke: Ein marodes Bauwerk vor dem Belastungstest

Von Von Florentine Dame, dpa

dpa/lnw Herne. Verkehr und Stau haben ihr zugesetzt: Eine Autobahn-Brücke bei Herne ist so marode, dass schwere Lastwagen dort nicht mehr fahren dürfen. Mit Spezialmessungen wird nun geprüft, wie es weitergehen kann. Schlimmstenfalls droht eine jahrelange Vollsperrung.

A43-Brücke: Ein marodes Bauwerk vor dem Belastungstest

Experten untersuchen die Emschertalbrücke und bringen Sensoren an. Die marode A43-Brücke in Herne wird von Brückenexperten unter die Lupe genommen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Oben donnern die Autos, darunter tuckern Binnenschiffe. Was mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist: Die A43-Brücke über den Rhein-Herne-Kanal ist marode und musste vor einigen Wochen zumindest für schwere Lastwagen gesperrt werden. Die Stahlbrücke hat unter der gestiegenen Last mehr gelitten als sie sollte, die stählernen Träger sind deutlich durchgebogen. Jetzt steht die Tragfähigkeit in Frage.

Fachleute und Gutachter der Autobahn GmbH wollen in den kommenden Wochen daher genau wissen, wie schlimm es wirklich steht um die 80 Meter lange Brücke, die zu einem dreiteiligen Brückenzug über das Emschertal gehört. Normalerweise sind hier rund 100 000 Autos und Lastwagen unterwegs. Seit dem 12. April dürfen Fahrzeuge schwerer als 3,5 Tonnen dort nicht mehr fahren. Die Zufahrten in Richtung Brücke von den querenden Autobahnen A2 und A42 sind für alle dicht.

„Dieser Patient ist demnächst komplett verkabelt. Wenn sich da oben etwas tut, dann wissen wir das bald genau“, sagt an diesem Montag der Ingenieur Thomas Eberhardt, der für die geplante Belastungsprobe des Brückenbauwerks verantwortlich ist. In den kommenden Tagen werden rund 80 Sensoren angebracht, bevor in einigen Wochen eine große Messung quasi unter Laborbedingungen exakte Daten liefern soll.

Denn der „Patient A43-Brücke“ leidet schon länger unter gestiegenen Verkehrslasten. Die Brücke, Baujahr 1965, sollte im Zuge des dreispurigen Ausbaus der wichtigen Verkehrsachse vom Ruhrgebiet nach Norden, ohnehin erneuert werden. Doch zuletzt war ihr Zustand besorgniserregender als gedacht. Schlimmstenfalls droht nun eine Vollsperrung.

Um herauszufinden, wie sehr das chronischkranke Bauwerk geschont werden muss, wird sie jedenfalls für den Belastungstest am dritten Maiwochenende schonmal für den gesamten Verkehr gesperrt. Stattdessen rollen dann mit Kies gefüllte Lastwagen auf genau festgelegte Punkte. Ingenieur Eberhardt und sein Team bündeln dann die „Patientendaten“ vor, während und nach dem Experiment. Hochempfindliche und winzige Dehnungsmesstreifen, die tatsächlich an filigranes medizinisches Messgerät erinnern, werden dafür in den kommenden Tagen angebracht. Temperaturfühler und exakte Messpunkte liefern weitere Angaben.

Schon in den 1980er Jahren hatte man festgestellt, dass die Stahlträger sich mehrere Zentimeter durchgebogen hatten, wie Carola Ziebs erklärt, Projektleiterin für den A43-Ausbau bei der Autobahnniederlassung Westfalen. Doch die damals tolerable Lücke wuchs - zuletzt auf mehr als 20 Zentimeter. Vor allem die vergangenen drei Jahre machten der Brücke zu schaffen: Die Strecke verläuft durch die Großbaustelle für den dreispurigen Autobahn-Ausbau. „Durch die permanenten Staus standen dort oben mehrmals täglich Lkw an Lkw. Dadurch hat die Durchbiegung deutlich zugenommen“, sagt Ziebs.

Mehr Verkehr, immer schwerer werdende Laster und ein insgesamt in die Jahre gekommenes Autobahn- und Straßennetz sorgen nicht nur in Herne für Handlungsbedarf. Schon an der Leverkusener Brücke der A1 muss der Güterverkehr seit Jahren Umwege in Kauf nehmen, weil schwere Lastwagen dort den Rhein nicht mehr queren dürfen. Auch die Duisburger Rheinbrücke Neuenkamp ist marode und soll erneuert werden. Insgesamt müssen nach Prüfungen der Planungsverantwortlichen Zug um Zug mehr als 750 Straßen- und Autobahnbrücken in NRW erneuert werden.

Doch der Bau von Autobahnbrücken dauert meist viele Jahre. So könnte auf der Strecke bei Herne frühestens Mitte 2022 mit der Konstruktion einer zeitweisen Ausweichstrecke begonnen werden, wie Ziebs erklärt. Zwei weitere Jahre würde es dauern, bis der Verkehr wieder inklusive Lastwagen rollen könnte. Deswegen blicken alle angespannt auf die anstehende Belastungsprobe. Erst dann lässt sich ausschließen, dass nicht doch das droht, was Ziebs „eine Katastrophe für die Städte Herne und Recklinghausen“ nennt, wenn die Autos sich ihren Weg durch die Innenstädte bahnen müssten: „Eine Vollsperrung ist der Worst Case. Das ist noch nicht ausgestanden“, sagt sie. Ende Mai wird mit einer Einschätzung der Gutachter gerechnet.

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