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NRW

Bei Schnupfnase Kita-Verbot: Kritik an Corona-Vorgaben

Gesundheit

Sonntag, 12. Juli 2020 - 09:22 Uhr

von Von Bettina Grönewald, dpa

dpa/lnw Düsseldorf. Grotesk, sinnlos, einseitig - die Kritik an den Auswüchsen der NRW-Vorgaben zum Umgang mit geringfügigen Wehwehchen von Kitakindern ist drastisch. Kinderärzte, Alleinerziehende, Gewerkschafter und Opposition fordern: Eine praxistaugliche Neuregelung muss her.

Spielzeug liegt in einer Kindertagesstätte auf dem Boden. Foto: Monika Skolimowska/dpa/Illustration

Der Ausschluss von Kitakindern mit geringfügigen Krankheitssymptomen von der Betreuung stößt in Nordrhein-Westfalen auf breite Kritik. Sowohl Kinderärzte als auch Alleinerziehende, Gewerkschafter und Oppositionspolitiker fordern von der Landesregierung neue, praxistaugliche Corona-Schutzregeln.

Der Verband der Kinder- und Jugendärzte habe zudem das Robert Koch-Institut gebeten, „Krankheitskriterien, die ein Fernbleiben von der Kita auslösen, risikoangepasst und umsetzbar zu präzisieren“, berichtete der Sprecher des Landesverbands Nordrhein, Edwin Ackermann, der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf.

Die jetzige Regelung werde ansonsten „im Herbst zu einem Kollaps der Eltern und unsäglichen Praxisorganisationsproblemen führen“, warnte der Kinderarzt aus Tönisvorst. „Kinder werden völlig sinnlos laufend aus der Betreuung heraus genommen.“ Ähnlich äußerte sich die SPD.

In einer „Handreichung für die Kindertagesbetreuung“ des NRW-Familienministeriums heißt es: „Kinder dürfen generell nicht betreut werden, wenn sie Krankheitssymptome aufweisen. Die Art und Ausprägung der Krankheitssymptome sind dabei unerheblich.“

Ackermann stellte fest: „Im derzeitigen Praxisalltag erleben wir Kinder- und Jugendärzte teilweise groteske Veranlassungen für Kita-Verbote - zum Beispiel Mückenstiche, laufende Nasen bei bekannter Gräserpollenallergie, Husten bei bekanntem und gut eingestelltem Asthma bronchiale, juckende Hautausschläge durch Schwitzen bei bekannter Neurodermitis.“ Dabei sei den Erzieherinnen kein Vorwurf zu machen, da sie letztlich selbst keinen Spielraum hätten und nicht abschätzen könnten, ob das betreffende Kind nun relevant krank sei oder nicht. Das unterstreicht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Nach massivem und öffentlichem Druck von Eltern und Medizinern hatte Familienminister Joachim Stamp (FDP) Ende Juni bereits seine ursprüngliche Vorgabe kassiert, kranke Kinder nur mit einem ärztlichen Attest wieder in die Kita zu lassen. Nun reicht es, wenn die Eltern selbst schriftlich versichern, dass die Kinder seit 48 Stunden symptomfrei sind.

Das helfe den Eltern aber kaum und belaste die Praxen trotzdem über Gebühr, stellte Ackermann fest. „Ein Elternteil muss jetzt wegen der laufenden Nase der Arbeit fern bleiben, benötigt dafür einen „Arbeitsunfähigkeitsschein Kind“ und muss deshalb eine Arztpraxis aufsuchen.“ Im Ergebnis bedeute das: „Ein banaler Schnupfen führt zu einem mehrtägigen Kita-Verbot und das betreffende Kind erlebt keine konstante, sondern eine ständig unterbrochene Betreuung in der Kita.“

Besonders belastend sei die Situation für Alleinerziehende, kritisierte Nicola Stroop, Vorstand beim Landesverband allein erziehender Mütter und Väter. „Das ist ein massiver Eingriff und lässt die Eltern damit alleine, eine individuelle Lösung zu finden - sei es durch Urlaub, Minusstunden oder private Betreuungssettings.“ So werde das Corona-Problem individualisiert.

Wieder einmal greife die Politik mit ihren Vorgaben einseitig in die Betreuungsinfrastruktur ein, ohne Ausgleich für erwerbstätige Eltern zu schaffen, kritisierte Stroop. Kurzfristig benötigten Eltern, die in solchen Situationen gezwungen seien, wegen der Kinderbetreuung zuhause zu bleiben, finanzielle Unterstützung und langfristig „einen Ausgleich für ihre Chancenverluste auf dem Arbeitsmarkt“.

Auch Kinderarzt Ackermann pflichtete bei, die gesetzlichen Betreuungstage für erkrankte Kinder reichten bei weitem nicht aus und seien von vielen Eltern zu Beginn der Corona-Krise bereits aufgebraucht worden. „Stress mit den Arbeitgebern ist dadurch vorprogrammiert.“

Die SPD-Opposition forderte Minister Stamp auf, sich im Bund für eine Ausweitung der Kinderkrankentage stark zu machen. Der familienpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dennis Maelzer, forderte zudem eine vorbeugende Corona-Teststrategie. „Woche für Woche bleiben in Nordrhein-Westfalen 100 000 Test-Kapazitäten ungenutzt.“ Dabei könnte die Sicherheit des Kita-Personals mit Tests erhöht werden. Darauf pocht auch Joyce Abebrese für die GEW NRW.

Das Familienministerium plant vorerst allerdings keine Neuregelungen. Die derzeitigen Empfehlungen zum Umgang mit kranken Kitakindern gälten zunächst bis Ende August, teilte ein Sprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Die Umsetzung der Empfehlungen obliege den Trägern und Leitern der Kitas sowie Kindertagespflegestellen vor Ort.

„Dabei muss immer abgewogen werden zwischen dem Recht der Kinder auf frühkindliche Bildung, Infektionsschutz und dem Schutz der Beschäftigten und Kindertagespflegepersonen“, teilte das Ministerium mit. „Abweichungen von den Empfehlungen sind möglich und in bestimmten Konstellationen auch geboten.“

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