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NRW

Marcus Uhlig: „Wir setzen nicht alles auf eine Karte“

Fußball

Montag, 20. Juli 2020 - 12:02 Uhr

von Interview: Holger Schmidt, dpa

dpa/lnw Essen. Rot-Weiss Essen ist einer von zwölf früheren Fußball-Bundesligisten, der aktuell in der Regionalliga spielt. Und der mit der größten Tradition. Seit 13 Jahren strebt RWE vergeblich die Rückkehr in die 3. Liga an. Und in Corona-Zeiten wächst der Druck.

Fußball: Regionalliga, im Stadion Essen. Marcus Uhlig, Vorstandsvorsitzender von Rot-Weiß Essen. Foto: Roland Weihrauch/dpa/archiv

Marcus Uhlig hat die Sommerpause quasi durchgearbeitet. Mit Regionalligist Rot-Weiss Essen kämpft der Vorstandschef in den schweren Corona-Zeiten um den Aufstieg in die 3. Liga. Nach 13 Jahren gibt es für RWE keine Ausreden mehr, wie Uhlig im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur verdeutlicht.

Frage: Herr Uhlig, hatten Sie schon eine Sommerpause oder Urlaub? Antwort: Ehrlich gesagt nicht. Die letzten Monate waren sehr anstrengend und sehr aufreibend. Und natürlich auch sehr ungewöhnlich. Weil sich die Prioritäten und die Quantität der Arbeit, die man in bestimmte Dinge stecken muss, seit Corona um 80 Prozent verschoben haben.

Frage: Sie haben nach dem Saison-Abbruch mit allen Mitteln versucht, um den Aufstieg des Vereins zu kämpfen. Sie hatten unter anderem ein Konzept für eine Aufstiegs-Endrunde entworfen und sich für eine zweigleisige 3. Liga eingesetzt... Antwort: Es war unsere Pflicht, alles für den Verein zu versuchen. Und wir hatten meiner Meinung nach gute Argumente, es trotz Corona sportlich zu regeln.

Frage: Am Ende hat es nicht geklappt. Verl durfte als West-Vertreter an der Relegation teilnehmen und ist am Ende auch aufgestiegen. Haben Sie das inzwischen akzeptiert? Antwort: Natürlich. Wir haben es sportlich genommen. Und wenn man ehrlich ist, hatte es Verl in diesem Jahr vielleicht noch ein bisschen mehr verdient als alle anderen. Ich war auch einer der Ersten, die gratuliert haben. Und das nicht nur, weil wir froh waren, dass mit Verl ein Konkurrent aus der Liga raus ist.

Frage: Gutes Stichwort: Wie dringend will RWE diese Liga verlassen? Antwort: Das Ziel ist eindeutig formuliert: Wir wollen Meister werden. Wir wollen in die 3. Liga. Mit dieser Aufgabe identifizieren sich alle hier im Verein.

Frage: Ist der Aufstieg vielleicht sogar ein Muss? Antwort: Nein. Es ist keineswegs so, dass hier die Lichter ausgehen, wenn wir nicht aufsteigen sollten. Wir setzen hier nicht alles auf eine Karte. Wir geben definitiv nur Geld aus, das wir haben. Aber nach 13 Jahren ist die Sehnsucht auf die 3. Liga schon sehr groß.

Frage: Erwarten Sie, dass der ein oder andere Verein genau das tut? Alles auf eine Karte setzen und die Unsicherheit für alle ausnutzen? Antwort: Ich weiß nicht, ob es Vereine gibt, die sagen: Wir haben zwar eigentlich weniger Geld, aber wir investieren nochmal richtig, weil wir unbedingt aus dieser Liga rausmüssen. Im Westen habe ich dieses Gefühl bislang eher nicht.

Frage: Manche glauben, dass der Sprung aus der Regionalliga in die dritte der schwerste ist. Und dass der Zug gerade bei Traditionsvereinen erst dann richtig Fahrt aufnehmen kann. Denken Sie auch schon ein Stück weiter? Antwort: Ich will nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Unsere Realität heißt Regionalliga. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass im Fall eines Aufstiegs in die 3. Liga hier eine besondere Dynamik reinkommen könnte. Und natürlich musst du als Rot-Weiss Essen auch eine Idee haben, wie es weitergehen könnte. Wenn man als RWE von unten in die 3. Liga kommt, ist die Liga total spannend. Dass du nicht zehn Jahre in der 3. Liga bleiben willst, ist klar. Aber es ist auch nicht so, als könnte man es dort nicht eine Weile aushalten.

Frage: Sie haben im Vorjahr in Christian Titz einen namhaften Trainer verpflichtet, der zuvor den Hamburger SV in der Bundesliga trainierte. Wieso hat das nicht funktioniert? Antwort: Christian ist ein großer Fußball-Fachmann. Er hat bei uns in vielen Bereichen, in denen wir vorher nicht optimal aufgestellt waren, Impulse gesetzt. Da haben wir auch einiges mitgenommen, was uns für die Zukunft nutzen wird. Aber man muss auch sagen: Er ist in Essen und in der Regionalliga nie so recht heimisch geworden. Wir haben vor allem bei der Frage nach der Ausrichtung für die Zukunft erkennen müssen, dass wir zu unterschiedlich ticken.

Frage: In Christian Neidhart haben Sie nun einen Trainer verpflichtet, der zum Zeitpunkt der Verhandlungen mit Meppen noch um den Aufstieg in die 2. Liga gekämpft hat... Antwort: Wir sind auf jeden Fall nicht wegen des Geldes zusammengekommen. Christian Neidhart hat uns vom ersten Gespräch an beeindruckt. Weil er Bock auf diese Aufgabe hier hat. Und weil er jemand ist, der stark im Wind steht, auch wenn es mal nicht so läuft. Genau so jemanden brauchen wir hier.

Frage: In den vergangenen Monaten war der Druck außerhalb des Platzes sehr groß. Wie hat RWE die Corona-Krise bisher gemeistert? Antwort: Wir sind sicher besser durch die Krise gekommen als der ein oder andere Traditionsverein. Zwischenzeitlich standen bis zu 2,5 Millionen Euro bei uns im Feuer. Das ist ein gutes Drittel des Jahresumsatzes. Die Abrechnung ist noch nicht abgeschlossen, aber am Ende wird der Corona-bedingte Verlust wohl um die 700 000 Euro betragen.

Frage: Wie haben Sie das geschafft? Antwort: Das war nicht einfach. Wir haben zwar einen strategischen Partner, aber wir gehören nicht zu den Vereinen, die einen reichen Onkel haben, bei dem sie einmal im Jahr anklopfen dürfen und das Geld für die ganze Saison bekommen. Wir haben eine Schwarm-Finanzierung. Deshalb mussten wir auch an vielen Einnahme- und Kostenschrauben drehen. Zum einen haben wir vorübergehend Kurzarbeit eingeführt. Zum anderen haben wir eine wahnsinnige Solidarität erfahren. Wir haben sehr viele virtuelle Tickets und virtuelle Bratwürste gekauft. Bei der Ticket-Erstattung, die wir den Zuschauern selbstverständlich in vollem Umfang angeboten haben, hatten wir eine Verzichts-Quote von 94 Prozent. Dazu kamen viele weitere kleinere Maßnahmen. So sind wir im Endeffekt noch relativ gut durchgekommen.

Frage: Was bedeutet es für einen Regionalligisten, der keine Fernseh-Einnahmen hat, wenn es Geisterspiele gibt oder wie zuletzt die Heimspiele komplett wegfallen? Antwort: Rund zwei der gut sieben Millionen Euro, die dieser Verein im Jahr einnimmt, stammen aus Zuschauer-Einnahmen. Aber im Endeffekt hängt jeder Euro irgendwie mit den Heimspielen zusammen. Es geht um anteilige Einnahmen an Bratwürsten und Bieren, der komplette Verkauf im Fanshop bei Heimspielen fällt weg. Und auch für die Sponsoren ist das Erlebnis Hafenstraße ein wichtiger Aspekt. Sie nehmen ihre Geschäftspartner mit auf die VIP-Plätze oder in die Logen, um sie daran teilhaben zu lassen. Und es freut sie, ihr Logo in diesem brodelnden Stadion zu sehen.

Frage: Die neue Saison soll am 5. September starten. Ob und mit wie vielen Zuschauern ist aber offen. Inwiefern lässt es sich planen? Antwort: Es wird sicher eine besondere Saison mit besonderen Herausforderungen. Natürlich rüsten wir uns nun für alle Eventualitäten. Und natürlich arbeiten wir mit dem Stadionbetreiber und der Stadt Essen auch an einem Konzept der Teilöffnung für Zuschauer. Aber das ist noch nicht spruchreif. Eins aber ist jetzt schon klar: Wir werden auch in der kommenden Saison wieder die Solidarität aller unserer Fans und Partner brauchen.

ZUR PERSON: Marcus Uhlig (49) studierte Jura. Seit 2003 arbeitete er mit einem Medienbüro für Arminia Bielefeld, wurde dort später zunächst Pressesprecher, dann Teammanager und schließlich von September 2011 bis Juli 2015 Geschäftsführer. Anschließend übernahm er verschiedene Mandate in der Vereinsberatung, bevor er im November 2017 zu Rot-Weiss Essen wechselte. Seit März 2018 ist er dort geschäftsführender Vorstandsvorsitzender.

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