NRW-Intensivstationen füllen sich: Warnung vor Triage

dpa/lnw Essen/Lippstadt. Die steigenden Corona-Infektionen kommen in den Krankenhäusern mit einer steigenden Patientenzahl an. Einige große Kliniken verschieben planbare Operationen. Auch vor einer Triage wird schon gewarnt.

NRW-Intensivstationen füllen sich: Warnung vor Triage

Ein Mann mit einer Atemschutzmaske geht auf der Corona-Intensivstation hinter einer Glastür einen Gang entlang. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Die dritte Corona-Welle sorgt in Nordrhein-Westfalen zunehmend für Engpässe auf den Intensivstationen. Die Lage sei „sehr angespannt“, und in den nächsten Wochen seien weitere Belastungen zu erwarten, teilte eine Sprecherin des NRW-Gesundheitsministeriums am Mittwoch auf Nachfrage mit. Planbare Eingriffe würden bereits verschoben, berichteten die Unikliniken Essen und Köln. Dennoch seien freie Intensivbetten knapp.

In der Essener Universität, dem patientenstärksten Corona-Behandlungszentrum in NRW, waren am Mittwoch nur noch sieben von 180 Intensivbetten frei. Dazu kämen allerdings 15 sogenannte Überwachungsbetten, auf die etwa Unfallopfer verlegt werden könnten, um Raum für Corona-Patienten zu gewinnen, sagte ein Sprecher.

Die landesweite Zahl der freien Intensivbetten mit Beatmungstechnik ist nach einer Übersicht der Landesregierung unter die Marke von 500 gesunken. Demnach waren am Mittwoch 482 solcher Betten frei nach 520 am Dienstag. Außerdem gibt es bereits einzelne Warnungen von Medizinerseite vor einer drohenden Triage, also einer Situation, in der Ärzte nach bestimmten Kriterien priorisieren müssen, welcher schwer kranke Patient zuerst behandelt wird.

Der Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln, Univ.-Prof. Dr. Michael Hallek, erklärte: „Wir haben in den letzten Tagen eine maximale Belastungssituation mit mehr Anfragen pro Tag an die Uniklinik als wir bewältigen können.“ Er sagte dem WDR Fernsehen am Dienstag: „Noch ist es nicht ne echte Triage im Sinne von, dass man Dinge nicht mehr tut, weil man keine Kapazitäten mehr hat. Aber wir sind nahe dran.“

„Wir müssen weiter mit aller Entschiedenheit daran arbeiten, die Infektionszahlen zu reduzieren und das Impftempo zu steigern. Sonst wirft uns die dritte Welle in den nächsten Wochen um“, forderte der Vorstandsvorsitzende der Essener Universitätskliniken, Prof. Jochen A. Werner. Für Patienten mit akutem Lungenversagen, die sogenannte künstliche Lungen (ECMO-Geräte) benötigten, sei die Nachfrage bereits höher als das Angebot. Deshalb könnten nicht alle schwerstkranke Covid-Patienten aufgenommen werden, die andere Krankenhäuser überweisen wollten.

„Dass in Köln und Bonn nun erste Kliniken an die Grenzen ihrer Notfallkapazitäten gekommen sind, muss uns alle wachrütteln, sagte der Präsident der Krankenhausgesellschaft NRW, Jochen Brink, der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ, Mittwoch). Intensivmediziner erwarteten weiter deutlich steigende Fallzahlen. „Es ist deshalb höchste Zeit, dass Bund und Länder wirksamere Maßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung von Covid-19 ergreifen.“

Die Pläne der Bundesregierung für eine Notbremse könnten einen wichtigen Beitrag leisten. Die Lage werde dazu führen, dass planbare Operationen verschoben werden müssten. Dennoch werde weiter jeder Notfall, jede ernsthafte Erkrankung behandelt. „Darauf sind die Kliniken vorbereitet, dafür sind sie jederzeit da“, betonte Brink.

Die Essener Universitätskliniken nähern sich bei der Belegung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten dem bisherigen Höchstwert aus dem vergangenen Jahr an. Im Dezember 2020 sei mit 41 Corona-Patienten auf Intensivstationen die bisher höchste Zahl erreicht worden, aktuell seien es 38, sagte ein Kliniksprecher.

Auch der Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag, Thomas Kutschaty, hatte am Dienstag davor gewarnt, dass die Belegung der Intensivstationen an ihre Grenzen gekommen sei. Dabei sei die Situation dramatischer als die statistische Zahl der freien Betten auf Intensivstationen erahnen lasse. „Viele Betten können nicht belegt werden, weil das Personal nicht mehr verfügbar ist“, sagte Kutschaty. Im Bereich der Krankenpflege gebe es viele Kündigungen. Vor allem aus Köln gebe es Meldungen, wonach die Lage sich zuspitze.

© dpa-infocom, dpa:210414-99-203707/2