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Orkan „Friederike“ tobt durch NRW: mindestens ein Toter

Wetter

Donnerstag, 18. Januar 2018 - 16:21 Uhr

von Von Martin Oversohl, dpa

dpa/lnw Düsseldorf. Stundenlang zieht Orkan „Friederike“ über NRW hinweg. Schulen werden geschlossen, der Strom fällt aus, Dächer abgedeckt, Lkw wie Spielzeug zur Seite gedrückt, Bäume entwurzelt. Ein Mann kommt ums Leben, mehrere werden verletzt. Und Zehntausende Pendler müssen umsteigen.

Eine von umherfliegenden Styroporplatten beschädigte Fußgängerampel in Münster. Foto: Guido Kirchner

Auf den Tag genau elf Jahre nach dem verheerenden Orkan „Kyrill“ ist das Orkantief „Friederike“ stundenlang tosend über Nordrhein-Westfalen hinweggefegt. Mindestens ein Mensch kam am Donnerstag ums Leben, mehrere weitere wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Schulen wurden ebenso geschlossen wie Zoos und einige Museen, die Bahn stellte den Zugverkehr bis zum Freitagmorgen ein, Straßenbahnen unter anderem in Düsseldorf standen still. Zahllose Bäume stürzten um und beschädigten Autos oder Gebäude, Dächer wurden durch die Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern abgedeckt. Am frühen Nachmittag konnte der Deutsche Wetterdienst Entwarnung geben. „Das ist jetzt durch“, sagte eine DWD-Expertin.

Feuerwehr- und Rettungsdienste mussten laut Innenministerium bis zum Nachmittag zu mindestens 7000 Einsätze ausrücken, Straßen freiräumen, Bäume beseitigen und Gebäude sowie demolierte Oberleitungen sichern. Probleme bereiteten vor allem die zahllosen entwurzelten Bäume. Allein Kölns Polizei zählte mehr als 500 Einsätze bis zum frühen Nachmittag, in Essen waren es 460, in Mülheim und Bochum bis zum Mittag jeweils mindestens 250.

In Emmerich am Niederrhein wurde ein 59-Jähriger auf einem Campingplatz am Rhein von einem Baum erschlagen. Auch in Ratingen, Krefeld und Hückelhoven im Kreis Heinsberg wurden Menschen verletzt, in Gladbeck erlitten zwei Insassen eines Autos Verletzungen durch einen umstürzenden Baum. In Köln wurde eine Frau in ihrem Auto eingeklemmt, als ein Baum auf den fahrenden Wagen stürzte. Feuerwehrmänner trennten mit Spezialgerät das Fahrzeugdach ab, um die eingeschlossene und schwer verletzte Frau zu befreien.

In Gladbeck wurde ein Kindergarten geräumt, weil eine Dachkuppel abzustürzen drohte, der Kaarster Möbelmarkt Ikea wurde wegen Schäden an der Fassade evakuiert. Auf dem Flughafen Köln/Bonn wurden für mehrere Stunden Starts und Landungen abgesagt. Die Zoos in Köln, Dortmund und Duisburg hatten am Donnerstag vorsichtshalber zu, unter anderem in Bochum und Aachen wurden die Wochenmärkte abgesagt. Die Feuerwehr riet dazu, zu Hause zu bleiben und vor allem den Wald zu meiden.

Die Deutsche Bahn legte aus Sicherheitsgründen den Zugverkehr vom Vormittag an für den Rest des Tages still. Zehntausende Pendler mussten auf Taxis oder Fahrgemeinschaften ausweichen, die Bahn wollte eventuell Hotelzüge anbieten, um den gestrandeten Zugreisenden Übernachtungsmöglichkeiten zu geben. Auch bei der Rheinbahn in Düsseldorf sowie bei der Wuppertaler Schwebebahn ging zeitweise nichts mehr.

Auf den Straßen herrschten in einigen Regionen zeitweise chaotische Zustände. In Duisburg drohte ein Lkw von einer Brücke der Autobahn 59 zu stürzen. Die Autobahn wurde voll gesperrt. Der Planen-Lastwagen war von einer Böe an die Brüstung gedrückt worden, sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei in Düsseldorf. Die Feuerwehr bemühte sich, den Wagen zu sichern.

Auf der Bundesautobahn 555 in Höhe der Anschlussstelle Wesseling wurde ein Lkw vom Sturm erfasst und über alle drei Fahrstreifen gefegt. Die Feuerwehr befreite den eingeklemmten Fahrer (54) aus dem Führerhaus seines Styroportransporters. Rettungskräfte brachten ihn und seine verletzte Beifahrerin (65) in ein Krankenhaus. Die A 555 wurde in Fahrtrichtung Bonn für mehrere Stunden komplett gesperrt.

Auch auf anderen Autobahnen im Rheinland kam es durch losgelöste Lkw-Planen, umgekippte Baustellenschilder und umgeknickte Bäume zu „unzähligen Einsätzen“. Immer wieder mussten einzelne Abschnitte gesperrt werden.

Bei mehr als 120 000 Menschen in Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern gab es Störungen und Stromausfälle, teilte der Netzbetreiber „Westnetz“ in Dortmund mit. Grund seien Bäume, die auf Freileitungen gestürzt waren.

Auch viele Schulen blieben wegen „Friederike“ geschlossen oder sagten den Schulunterricht nach den ersten Stunden ab. Tausende Eltern mussten ihre Kinder vorzeitig abholen. Unter anderem in Neuss, Hagen und Düsseldorf fiel zwar der Unterricht aus und Stadtverwaltungen forderten Eltern auf, ihre Kinder abzuholen. Allerdings hatten die Schüler auch die Möglichkeit, bis zum Ende des Unwetters in der Schule bleiben. Im Regierungsbezirk Münster beendeten ebenfalls viele Schulen den Unterricht nach den ersten Stunden.

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) wies Kritik an teils mangelhafter Kommunikation bei der Schließung der Schulen zurück. Die Schulleitungen könnten in Abstimmung mit den Schulträgern frei entscheiden, ob sie aufgrund extremer Wetterverhältnisse die jeweilige Schule schließen oder den Unterricht vorzeitig beenden, sagte die Ministerin. Dies sei die verbindliche Rechtsgrundlage. Die Eltern könnten zudem für sich entscheiden, ihre Kinder zuhause zu lassen.


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