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Thomas Drach: die „Karriere“ eines chronischen Straftäters

Kriminalität

Mittwoch, 24. Februar 2021 - 14:53 Uhr

von Von Frank Christiansen, dpa

dpa Köln. Thomas Drach ist mit der Entführung von Jan Philipp Reemtsma zu einem der bekanntesten Verbrecher Deutschlands geworden. Nun wird ihm vorgeworfen, Geldtransporter überfallen zu haben. Was ist das für ein Typ?

Thomas Drach sitzt vor seiner Verurteilung im Saal 288 des Landgerichts. Foto: Christian Charisius/dpa/Archivbild

Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis vor acht Jahren war Thomas Drach (60) abgetaucht, von der Bildfläche verschwunden. Ermittler, die ihn kennen, dürfte schon angesichts dieses Umstands ein ungutes Gefühl beschlichen haben. Seit seiner erneuten Festnahme am Dienstag in Amsterdam ist bekannt, dass Drach wohl wieder einmal rückfällig wurde. Obwohl er bei der letzten Verurteilung der Sicherungsverwahrung nur knapp entging, soll er seither an drei Raubüberfällen beteiligt gewesen sein. Warum verhält sich jemand so, der als rational und intelligent gilt?

„Herr Drach ist wohl jemand, der gerne einen aufwendigen Lebenswandel führt. Klein anfangen und durchbeißen ist nicht sein Ding“, sagt der Kriminologe Professor Thomas Feltes (Uni Bochum). Und: „Er braucht diesen Kick. Bei ihm ist es wohl ein Stück Persönlichkeit.“ In seinem Fall werde man über die Sicherungsverwahrung nachdenken müssen - „und er wird diesmal wohl nicht drum herumkommen“, sagt Feltes.

Drach, der zwei Jahre lang Deutschlands meistgesuchter Verbrecher war, ist der Kopf der 33 Tage dauernden Reemtsma-Entführung gewesen. Obwohl er in Erftstadt bei Köln in einem gutbürgerlichen Elternhaus aufwuchs - der Vater war leitender Angestellter eines namhaften Konzerns - wurde er schon mit 13 Jahren kriminell.

Er stahl Autos und überfiel als 18-Jähriger einen Supermarkt, wurde verurteilt. Drei Jahre später stand er wegen Diebstahls erneut vor Gericht. Kurz bevor er die Strafe antreten sollte, raubte er gemeinsam mit seinem Bruder eine Bank aus. Dafür wurde er 1982 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. 1995 wurde er wegen schweren Diebstahls und Urkundenfälschung gesucht.

Die Entführung des Hamburger Soziologen und Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma sollte der „Coup seines Lebens“ werden. Drach erpresste 30 Millionen Mark Lösegeld. Fast zwei Jahre lang führte er in Südamerika das erhoffte Luxusleben, bis ihn seine Leidenschaft für die Rolling Stones die Freiheit kostete.

Als er ein Konzert der Band in Buenos Aires besuchen wollte, warteten schon die Zielfahnder, denen seine musikalische Vorliebe nicht verborgen geblieben war, im Fünf-Sterne-Hotel „Caesar Park“.

Auf die Frage, warum er seine Fähigkeiten nicht legal in einem Beruf eingesetzt habe, sagte Drach einmal: „Da wäre ich ja 50, wenn ich ans große Geld komme.“ Inzwischen ist er 60 Jahre alt. „Mit 60 Jahren lässt die kriminelle Energie eigentlich nach, werden die Menschen ruhiger. Aber Drach kann nicht rumsitzen, der braucht diese Action. Deswegen nimmt er auch eine MP und keine einfache Pistole“, sagt Kriminalwissenschaftler Feltes.

Dennoch sei er kein übermäßig aggressiver Typ, sondern „rational denkend und intelligent“: „Er will eigentlich ohne Gewalt auskommen, weiß aber, dass er sie billigend in Kauf nehmen muss.“ Entführungsopfer Reemtsma hatte betont, ausgesprochen fair und unaggressiv behandelt worden zu sein.

Auf den ersten Blick ist Drach keine große Ausnahme: „Bei Raub und Erpressung werden über 50 Prozent der Täter innerhalb von drei Jahren rückfällig“, sagt Professor Andreas Mokros, Psychologe an der Fernuni Hagen. Aber: „Das Ausmaß der Taten, der Griff zur Kriegswaffe, das ist nicht alltäglich“, sagt Mokros.

„Es gibt in der Forschung zwei kriminelle Haupttypen. Den unreifen Täter mit mehr Kraft als Verstand, der im Alter zwischen 18 und 20 Jahren die meisten Straftaten begeht und dann aber den Rest seines Lebens unauffällig und straffrei lebt. Und dann gibt es den sogenannten lebenslang persistierenden Täter, der impulsiv und auf schnelle Belohnung aus ist.“

Entscheidend seien dabei die „Turning points“, die positiven und negativen Wendepunkte: Schule, Beruf, Beziehung und Elternhaus könnten stabilisierende Faktoren sein, ihr Wegfall die Gefahr eines Rückfalls aber deutlich erhöhen.

Bei Drach dürfte noch etwas hinzukommen, vermutet Mokros: „Ein hohes Maß emotionaler Kälte. Wer eine Entführung wie die von Reemtsma durchzieht, kann nicht sehr mitfühlend sein. Bei aller Vorsicht mit Ferndiagnosen: Ich würde mich nicht wundern, wenn Drach deutliche psychopathische Ausprägungen hat.“

© dpa-infocom, dpa:210224-99-574852/2

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