Wüst und Dreyer gedenken Flutopfer: „Bleiben an Ihrer Seite“

dpa/lnw Bad Münstereifel/Euskirchen/Düsseldorf. Ein Jahr nach der Jahrhundertflut sind Trauer und Bestürzung in NRW immer noch lebendig. Neben der Anteilnahme am Leid der Angehörigen steht eine Frage im Vordergrund: Wie kann NRW sich besser gegen solche Katastrophen wappnen?

Wüst und Dreyer gedenken Flutopfer: „Bleiben an Ihrer Seite“

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Foto: Marius Becker/dpa/Archivbild

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) haben der Opfer der Jahrhundertflut gedacht. „184 Menschen verloren ihr Leben. Hunderte wurden verletzt. Viele haben ihr ganzes Hab und Gut verloren“, bilanzierten die beiden Politiker am Mittwoch anlässlich des Jahrestags der Katastrophe in einem gemeinsamen Statement in sozialen Medien.

„Die Hochwasserkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 war ein Einschnitt in die Geschichte unserer Länder und ganz Deutschlands.“ Allen Betroffenen versicherten die beiden Regierungschefs: „Wir bleiben an Ihrer Seite und setzen weiter alle Kraft in den Wiederaufbau.“ Den vielen Menschen, die ihr eigenes Leben riskiert hätten, um Andere zu retten, gebühre tiefste Dankbarkeit.

Auch zahlreiche weitere Politiker gedachten am Mittwoch der Opfer, besuchten die vor einem Jahr betroffenen Überschwemmungsgebiete oder legten Vorschläge für einen effektiveren Katastrophenschutz vor.

Der neue NRW-Umweltminister Oliver Krischer informierte sich in Euskirchen bei Bonn über den Neubau einer Erftbrücke, die massiv beschädigt worden war. Es sei davon auszugehen, dass der Klimawandel Ereignisse wie Hochwasserkatastrophen wahrscheinlicher mache, sagte der Grünen-Politiker. So würden für NRW zunehmende Starkniederschläge vorausgesagt. Die Landesregierung wolle bis zu 80 Millionen Euro pro Jahr in die ökologische Entwicklung von Fließgewässern investieren. Ziel sei es unter anderem, diesen Gewässern wieder mehr Platz zur Ausbreitung zu geben.

SPD-Landeschef Thomas Kutschaty zeigte sich bei einem Besuch in Bad Münstereifel beeindruckt vom Engagement beim Wiederaufbau. „Der Ort ist eine durchgängige Baustelle. Umso ermutigender ist es, dass viele Läden zurückkommen.“ Nun zählten zwei Dinge: „Den Wiederaufbau zügig weiterführen und den Hochwasserschutz für die Zukunft bestmöglich aufstellen“, sagte der Oppositionsführer. Erschreckend sei, dass Betroffene teilweise immer noch auf Aufbauhilfen des Landes warteten.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) appellierte an die Bürger, sich besser gegen Katastrophen zu wappnen. „Das findet nicht irgendwo im Fernsehen weit weg statt, sondern das kann morgen bei dir um die Ecke stattfinden“, sagte er in einem vom Innenministerium bei Twitter verbreiteten Video. „Deshalb: Vorbereitet sein. Wissen, wie Sirenen funktionieren. Wissen, was man tun muss und sich selber auch ein Stückchen vorbereiten“, empfahl Reul. „Einen kleinen Vorrat zu haben, schadet auch nichts.“

Landtagspräsident André Kuper erinnerte an „die schwerste Naturkatastrophe in der Geschichte“ Nordrhein-Westfalens. Er kondolierte den Hinterbliebenen der Opfer und dankte den Helfern: „Sie haben gezeigt, wie Bürgerinnen und Bürger in einer der dunkelsten Stunden unseres Landes zusammengestanden haben.“ Der Vorsitzende des neu aufgelegten Untersuchungsausschusses zur Jahrhundertflut, Sven Wolf (SPD), versicherte: „Wir werden aufklären und konkrete Vorschläge machen, um den Hochwasserschutz in Nordrhein-Westfalen zu optimieren.

Der Vorsitzende des Städtetags NRW, Thomas Kufen, legte konkrete Vorschläge vor. Dazu zählten mehr Katastrohenschutz-Übungen, umfassende, schnelle Lagebilder, krisensichere Kommunikationswege, technisch modernisierte Alarmketten und klare Verantwortlichkeiten. Das sei nicht nur mit Blick auf Hochwasser wichtig, sagte der Essener Oberbürgermeister der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. „Flächendeckende Stromausfälle durch Cyberangriffe sind keine Science-Fiction mehr. Auch die aktuelle Entwicklung bei der Gasversorgung kann eine ernste Krisenlage auslösen.“

Die Landtagsfraktionschefin der Grünen Verena Schäffer betonte, im schwarz-grünen Koalitionsvertrag sei bereits verankert, dass der Katastrophenschutz ein Schwerpunkt der neuen Legislaturperiode sei und der zügige Wiederaufbau unterstützt werde. CDU-Fraktionschef Thorsten Schick versicherte: „Wir wollen als Land künftig unsere Verantwortung für die Menschen in einem großflächigen Katastrophenfall stärker wahrnehmen und die Behörden sowie Einsatzkräfte vor Ort aktiv unterstützen.“ Auch die FDP-Fraktion äußerte ihre Trauer über die Folgen der Katastrophe und forderte Konsequenzen.

Bei der Hochwasserkatastrophe Mitte Juli 2021 waren allein in NRW 49 Menschen gestorben. Die Schäden werden hier auf etwa 13 Milliarden Euro beziffert. Mit 180 Städten und Gemeinden war fast die Hälfte der Kommunen in NRW betroffen. Im rheinland-pfälzischen Ahrtal hatte die Sturzflut am 14. und 15. Juli 2021 sogar 134 Todesopfer gefordert. In beiden Bundesländern sind für Donnerstag Gedenkveranstaltungen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geplant.

Ein Untersuchungsausschuss zur Flut durchleuchtet im NRW-Landtag seit vergangenem Oktober das Handeln der Behörden und mögliche Versäumnisse sowie Defizite im Katastrophenschutz. Vielerorts war eine zu späte Alarmierung der Bevölkerung beklagt worden; Kommunikationssysteme waren laut Schilderungen von Rettern teilweise zusammengebrochen.

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