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Schriftstellerin Erdogan im Exil: „Verliere meine Heimat“

Donnerstag, 20. Oktober 2022 - 15:35 Uhr

von dpa

© Sebastian Gollnow/dpa

Im Exil fühlt sich die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan (55) nach eigenen Angaben „wie in einem Niemandsland“. „Auch in der Türkei habe ich mich immer fremd gefühlt, aber die türkische Sprache ist meine Heimat, und ich liebe sie über alles“, sagte die seit fünf Jahren in Deutschland lebende Autorin auf der Frankfurter Buchmesse der Deutschen Presse-Agentur. „Aber jetzt, wo ich seit fünf Jahren nicht mehr in der Türkei bin, werden die Worte leiser. Ich verliere meine Heimat.“

In wenigen Tagen erscheint Erdogans Buch „Requiem für eine verlorene Stadt“ erstmals auf Deutsch. „Das Buch ist fast über mein halbes Leben hinweg entstanden, es ist kein linearer Text mit einem Anfang und einem Ende“, sagte Erdogan über das Buch. Sie habe sich dabei vom ägyptischen Totenbuch inspirieren lassen. Einer der kurzen, in poetischer Sprache geschriebenen Texte sei nach dem Tod eines engen Freundes entstanden, in anderen gehe es um Abschied und Einsamkeit. „Ich bin die Summe all dessen, was ich verloren habe“, so Erdogan über das Thema des Buches und ihr eigenen Leben.

Die Tatsache, dass in Deutschland eine große türkischstämmige Gemeinschaft existiere, mache die Exilerfahrung nicht leichter, sagte die Schriftstellerin, die nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei im Jahr 2016 monatelang im Gefängnis festgehalten wurde. „Die meisten sind pro-Erdogan“, meinte sie mit Blick auf die Wahlerfolge des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bei der türkischen Diaspora. „Selbst wenn sie nicht gegen die türkische Opposition eingestellt sind, leben sie nicht mehr so intensiv in der türkischen Sprache und Kultur, ihnen ist nicht bewusst, wie germanisiert sie sind.“ Die oppositionellen Intellektuellen, die in ins Exil gingen, seien wiederum überwiegend mit dem eigenen Überleben beschäftigt.

Sie erlebe das Gefühl einer Niederlage, sagte Erdogan. „Manchmal habe ich Momente der Verzweiflung, dass Worte die Welt nicht ändern.“ Gleichzeitig glaube sie nach wie vor, dass alle, die Texte schreiben - nicht nur literarische Texte -, „Verantwortung für die Verlorenen, die Opfer übernehmen sollten. Wenn deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden, wäre die Welt ein leerere Ort und hätte an Bedeutung eingebüßt.“


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